Redebeitrag für den Ostermarsch Augsburg am 19. April 2025

 

- Es gilt das gesprochene Wort -

 

Das Fossil der Gewaltfreiheit

Hallo, ich bin eigentlich ein Fossil. Ich bin nämlich 500 Jahre alt. Ja, nicht wirklich. Ich spreche aber für eine Bewegung, die dieses Jahr 500 Jahre alt wird. Am 25. April 1528 wurde ein paar Schritte weiter von hier, vor dem Rathaus, ein Todesurteil verkündet. Hans Leupold, ein Handwerker vom Perlach, so hieß es, solle wegen Aufruhr und Gotteslästerung „aus Gnaden mit dem Schwert vom Tod zum Leben gerichtet wer­den". Aus Gnaden, denn es gab damals viel schlimmere Hinrichtungsarten, z.B. auf dem Scheiterhaufen brennen, was auch vielen Menschen passiert ist. Er rief aber der versammelten Menge zu: ,,Nit also, ihr Herren von Augschpurg, sondern vom Tod zum Leben." Das passte zur Ursache der Verhaftung und des Urteils. Am 12.4.1528, damals Ostersonntag, hatte er in aller Früh eine streng verbotene illegale „Rottierung" gelei­tet. Die Osterversammlung der Gartengeschwister, so wurden die Täufer und Täufer­innen, Spottname Wiedertäufer, in Augsburg genannt, weil sie sich im Sommer in Gärten versammelten. Die Feier der Auferstehung Jesu wird für die 88 Versammelten zum Karfreitag. Die Stadtwache stürmt das Haus der Gastgeberin Susanna Daucher, legt alle in Eisen und schleppt sie in den Knast hinterm Rathaus.

Was immer noch wenige wissen: Augsburg war eines der Zentren einer radikalen Reformation, ein Ursprungsort von Friedenskirche und Frei(willigkeits)kirche. Es soll damals 1000 solche Leute, in einer Stadt von 30.000 Einwohnern gegeben haben.

2025 ist ein Jubliämsjahr der Tauferbewegung: Vor 500 Jahren am Abend des 21. Janu­ar 1525 trafen sich in Zürich ein dutzend Leute. Sie hatten gerade eine öffentliche Disputation verloren, so hatte der Stadtrat zumindest beschlossen. Sie hatten sich gegen die Kinder- oder Babytaufe ausgesprochen. Die Taute sei ein freiwilliges Geschehen. Kleine Kinder verstehen es nicht und man sollte es ihnen nicht überstül­pen. Erwachsene Menschen, die sich entscheiden für Frieden und Gerechtigkeit und Jesus dem Friedensmenschen nachzufolgen, die sollten sich taufen lassen, aus freier Entscheidung. Sie machten an diesem Abend Ernst in Zürich, sie tauften sich gegen­seitig. Seitdem gibt es diese Bewegung. Sie wollten eine geschwisterliche Kirche sein, ohne Zwang, ohne Nähe zur Obrigkeit und den Mächtigen, ohne Hierarchie und Brim­borium, ohne festgezurrte Dogmen ... nach dem Vorbild dieses Jesus von Nazareth, an dessen Kreuzigung auch am gestrigen Karfreitag gedacht wurde. Bald setzte Verfolgung ein. Als erster wurde Felix Mantz in Zürich ertränkt, ein zynisches Vorgehen, eine ,,dritte" Taufe!

Ich sagte: Ein doppeltes Jubiläum. Dieses Jahr 2025, das wissen wohl die meisten, gedenken wir auch an 500 Jahre Bauernkrieg. Ich sage lieber Bauernbewegung, denn die Bauern wollten keinen Krieg. Im 3. Artikel der „Zwölf Artikel von Memmingen", die die Bauern am 20.3.1525 verabschiedeten, heißt es: ,,Darum ergibt sich aus der Schrift (Bibel) dass wir frei sind und sein wollen." Wenig später werden die Artikel in Augsburg erstmals gedruckt und dann in hohen Auflagen überall nachgedruckt. Es ist die erste europäische Menschenrechtserklärung. Die zunächst gewaltfreie Bauernbewegung greift über nach Thüringen etc. Mit dem dortigen theologischen Kopf der Bauern, Thomas Müntzer, hatte der radikale Kreis in Zürich 1524 schon korrespondiert, ihn als Mitbruder und Freund angesprochen, ihn aber auch ermahnt von seiner Rechtferti­gung der Gewalt abzulassen. So waren Bauernbewegung und Täuferbewegung viel­fach miteinander verbunden.

Hans Denck, ein Gelehrter der alten Sprachen, aus Nürnberg vertrieben wegen seiner radikalen Anschauungen, fand zeitweise in Augsburg Zuflucht. Er war ein Vordenker der Gartengeschwister hier und weit darüber hinaus. An Pfingsten 1526, nächstes Jahr ist das 500 Jahre her, taufte er einen gewissen Hans Hut. Der kam aus Thüringen und war ein Freund und Schüler des inzwischen hingerichteten Thomas Müntzer. Hut hatte die Niederlage der Bauern in der Schlacht unter dem Regenbogen bei Frankenhausen überlebt. Frustriert und traumatisiert wie zehntausende, ja hunderttausende Men­schen über die Niederlage und Tausende danach hingerichtete Bauern, suchte er einen Neuanfang. Er wird zum eifrigsten Propagandisten, fromm gesprochen Missionar, einer widerständigen Kirche. Er reist bis nach Mähren im heutigen Tschechien. überall versammelt er die Bauernkriegsveteranen und verkündet ihnen das Evangelium der Freiheit. 1527 im September wird er allerdings in Augsburg verhaftet und stirbt im Gefängnis am Nikolaustag 1527 an Rauchvergiftung durch einen sehr seltsamen Brand dort. Seine Leiche - makaber - wird zum Tod auf dem Scheiterhaufen verurteilt. Das Urteil noch am selben Tag vollzogen.

Aber immerhin werden wir und alle Pazifisten heute nicht mehr verdammt, wie noch im Augsburger Bekenntnis von 1530, wo Artikel 16 das gerechte Kriegführen erlaubt und die „ Wiedertäufer" verdammt, weil sie dagegen sind. Nein, im neuen „Selbstver­ständnis der Friedensstadt Augsburg", letztes Jahr im Stadtrat mit einer Gegenstimme nur verabschiedet, heißt es nach dem „Bekenntnis zu einer wertegeleiteten Sicher­heitspolitik ... wir respektieren die ... verschiedenen Augsburger Friedensinitiativen, die sich kritisch mit der militärgestützten Sicherheitspolitik auseinandersetzen". Immerhin, keine Verdammung mehr.

Nächstes Jahr 500 Jahre Gartengeschwister in Augsburg, nebenbei auch 100 Jahre Mennonitengemeinde. Wir sind die Fossilien und versuchen, den Weg des Friedens und der Gewaltfreiheit nach wie vor zu gehen.

Friede sei mit euch, so grüßte der Auferstandene seine Freunde und Freundinnen nach Folter und Tod. Frohe Ostern.

 

Wolfgang Krauß ist ein deutscher Theologe, Täufer-Forscher und mennonitischer Prediger.