Redebeitrag für den Ostermarsch in Augsburg am 19.04.2025

 

- Es gilt das gesprochene Wort -

 

Liebe Friedensfreundinnen und Friedensfreunde,

ich hätte es mir in meinen wildesten Albträumen nicht vorstellen können, dass wir eine solche Renaissance der Militarisierung auf allen Ebenen in Europa und gerade auch hier in Deutschland erleben. Kriegstüchtig und somit Gewalt als Mittel der Konfliktlösung zentral zu positionieren und für Hartherzigkeit zu werben ist die Verkehrung der Werte, wie sie in Georg Orwells Dystopie „1984“ alltäglich sind. Lassen wir militaristische Worte und Handeln niemals mehr zu Routine werden und widersprechen wir vehement diesem Denken, dass in den Abgrund führt. Wenn deutsche Politikerinnen und Politiker von Frieden sprechen, aber Krieg meinen, dann muss das benannt und kritisiert werden. Ich nehme in Deutschland gerade eine merkwürdige Stille in Bezug auf das maßlose Aufrüstungssondervermögen wahr. Allein die Auswirkungen auf die Umwelt und Nachhaltigkeit sind fatal, ganz zu schweigen, wenn die Waffen eingesetzt werden. Der Mythos, das mehr und noch brutalere Waffensysteme zu mehr Frieden führen muss heute wie damals als Fehlschluss offengelegt werden.

Allein im Kalten Krieg ist die Menschheit mindestens dreimal knapp einem Atomkrieg entgangen: Die Kubakrise von 1962 ist den meisten Menschen im Bewusstsein, aber mindestens so knapp war es am 26. September 1983, als die sowjetische Satellitenüberwachung fünf Atom-Raketen aus den USA zufliegen sieht und der zuständige sowjetische Offizier laut Protokoll sofort den Gegenschlag hätte einleiten müssen. Aus eigenem Entschluss wartete er minutenlang ab, bis sich herausstellte, dass es ein Fehlalarm war. Welch mutiger Schritt, der uns vor Schlimmerem bewahrt hat. Und im gleichen Jahr kam es am 9. November ebenso zu einer mehr als kritischen Lage, als die NATO in einem Manöver den Atomkrieg simulierte und die Sowjetunion dies als Vorbereitung deutete und dutzende in der DDR und Polen stationierte Flugzeuge mit Atomsprengköpfen bestücken ließen.

Haben wir diese Geschehnisse vergessen oder werden sie bewusst verdrängt? Das mehr Waffen zu dem Gegenteil von Sicherheit führen sehen wir tagtäglich in den Vereinigten Staaten. Ich möchte in meiner Rede zwei grundsätzliche Punkte benennen, die für mich essentiell sind: 

1. Empathie und Mitgefühl
Dabei möchte ich Martin Luther King zitieren: „Wir müssen die Härte der Schlange und die Sanftheit der Taube miteinander verbinden: einen scharfen Verstand mit einem weichen Herzen.“
Was zunächst ambivalent klingt ist äußerst wichtig: Zum einem klar und unerschrocken für Ziele eintreten, zum anderen aber sich von der Empathie und seinem Herzen leiten lassen. Also Mitgefühl haben.
Auch wenn Empathie für manchen Tech-Milliardär in politischen Fragen als Schwäche angesehen wird, bin ich davon überzeugt, dass dies unser Menschsein und die Zukunft ausmacht! In den Gleichnissen Jesu und in seinen Reden wird der Reichtum nicht an sich kritisiert, sondern die Hartherzigkeit. Wer sein ganzes Leben nur an materiellen Dingen orientiert und nicht den Blick für das Größere, für Gott, für das Miteinander aller Menschen, also für das Gemeinwohl hat, der verpasst den eigentlichen Sinn des
Lebens. 

2. Ich komme nun zu meinem zweiten und abschließenden Punkt: die Perspektiven der anderen wahr- und ernst zu nehmen und somit immer wieder die eigene Bubble zu verlassen. Nehmen wir es ernst, dass es böse und negativ motivierte Handlungen gibt. Jedoch folgen wir niemals einer Berichterstattung, die diese Taten ausschließlich bei einem vermeintlichen Feind verortet sieht. Natürlich mögen ein einfaches schwarz-weiß Raster und Feindbilder den Alltag leichter machen, aber der Realität entsprechen sie
nicht.

Rache und ein einseitiger militärischer Sieg mit unzähligen Opfern sind meiner Meinung nach im Ukrainekrieg aktuell nicht geeignet um zu einer tragfähigen Lösung zu kommen, die gerade auch die Zivilisten in Blick nimmt. So sehr der Angriffskrieg Russlands zu verurteilen ist, wollen wir tatsächlich auf eine erhebliche Niederlage Russlands hoffen? Was würde langfristig daraus wachsen? Es gilt eben nicht zu demütigen, auch wenn dies das Gegenüber macht. Zunächst gilt es verbal abzurüsten um dann sind Gespräche auf Augenhöhe gefragt. Unsere Solidarität mit den Menschen vor Ort darf auch im Nahost-Konflikt nicht zu allein einseitigen Parteinahmen führen. Versuchen wir immer wieder die Sichtweise des Gegenübers einzunehmen, auch wenn es uns noch schwerfällt. Natürlich ist es wichtig Terror und Kriegsverbrechen klar zu benennen - aber eben auf allen Seiten. Der Ausspruch „from the river to the sea“ ist genauso falsch, wenn er von Mitgliedern der Netanjahu-Regierung ausgesprochen wird. Es ist wird auf Dauer nur in einem Miteinander der Einwohnerinnen und Einwohner Israels und Palästina gehen. Daher laden wir von pax christi Augsburg im Mai in unterschiedlichen Kooperationen dazu ein, sich mit israelischen und palästinensischen Perspektiven auseinanderzusetzen.

Zum Ende möchte ich nochmal Martin Luther King zu Wort kommen lassen: „Those of us who love peace must organize as effectively as the war hawks. As they spread the propaganda of war we must spread the propaganda of peace.“Und diese Propaganda, diese Botschaft des Friedens gilt es plural zu verbreiten. Und das sage ich auch selbstkritisch zu mir und zu uns, den Mitgliedern Friedensbewegung: verlassen wir unsere Blasen und gehen offen auf andere Menschen zu und suchen den Dialog – ohne, dass wir immer wissen, was gerade richtig ist. Ich merke es bei mir selbst, wie schwierig es ist, die eigene Bubble zu verlassen. Aber es lohnt sich!

Vergessen wir zugleich nicht die Menschen an anderen Orten der Welt, wie im Sudan, in Myanmar. Und setzen wir bewusst weiter auf Mitgefühl und Solidarität und versuchen die Perspektive des Gegenübers wahrzunehmen, auch wenn das gerade nicht in Mode ist.
Der Freude sei mit euch!

Michael Rösch ist Mitglied im Vorstand von pax christi Augsburg und Mitglied der Christlich-Muslimischen Friedensinitiative Deutschland (CMFD).