Theresa Mölke, Erbach
Redebeitrag für den Ostermarsch Odenwald in Erbach am 16. April 2022
- Sperrfrist: 16. April 2022, Redebeginn: 11.30 Uhr -
- Es gilt das gesprochene Wort -
Liebe Friedensfreunde,
„Das Blut, das in der Ukraine vergossen wird, schreit zum Himmel“ – so habe ich meine Rede vor einigen Wochen begonnen. Wenige Tage, nachdem am 24. Februar Wladimir Putin einen Angriffskrieg auf die Ukraine gestartet hat. Und heute ist dieser Satz evidenter und wahrer denn zuvor: Das Blut, das in der Ukraine vergossen wird, schreit zum Himmel. Laut und eindringlich, brutal und grausam.
Denn es ist das Blut von Menschen, die ein Leben in Freiheit, Demokratie und Frieden für sich in Anspruch nehmen wollen. Sinnloses Massaker hat Papst Franziskus das genannt. Völkermord, der US-amerikanische Präsident Biden.
Mit aller Brutalität des Sterbens und Mordens erreichen uns die Bilder aus Butscha, aus Mariopol, aus Charkiw. Bilder, auf denen wir ermordete Zivilisten sehen, die mitten aus dem Leben gerissen wurden.
Mit Fassungslosigkeit und Entsetzen, aber auch mit Wut und Unverständnis schauen wir auf diesen Krieg. Wir sind am 24. Februar 2022 in einem anderen Europa aufgewacht, in einem Europa in dem nach Jahrzehnten des Friedens nun wieder Krieg und Blutvergießen herrschen. Nun leben wir schon einige Wochen in einem Europa, in dem auf brutalste Weise einem Volk, einem souveränen Staat, sein Existenzrecht abgesprochen wird. In einem Europa, in dem Völkerrecht gebrochen wird, in dem Menschen flüchten und vor allem in einem Europa, in dem die russische Armee Zivilisten und Zivilistinnen grausam ermordet. Und das alles „nur“ wegen der geopolitischen Machtinteressen eines autokratischen Herrschers. Kaum zu ertragen sind für uns diese Bilder. Und dennoch sind sie Lebensrealität für viele Ukrainer und Ukrainerinnen. Und auch wir hier in Deutschland können uns dieser Realität nicht verschließen.
Den Krieg nämlich, den die Ukrainer und Ukrainnerinnen gegen Russland führen, führen sie auch für uns. Sie kämpfen um Demokratie und Freiheit und sie kämpfen dafür, dass Gewalt, Brutalität und Krieg im 21. Jahrhundert kein Mittel sind, um Interessen durchzusetzen. Die Ukraine muss diesen Krieg gewinnen – auch für uns, für die Demokratien in Europa und in der Welt. Dieser mutige Kampf der Ukraine verdient unseren Respekt und unseren Beistand.
Und wir? Was können wir hier in Deutschland tun? Spätestens die Bilder aus Butscha haben es uns unmöglich gemacht, uns nicht mit der grausamen Realität in der Ukraine auseinanderzusetzen. Und unser Dilemma besteht wohl darin, dass wir nicht umhin kommen, Schuld auf uns zu laden. Liefern wir schwere Waffen an die Ukraine? Damit beteiligen wir uns am Fortgang des Krieges und daran, dass weiter Menschen sterben werden. Liefern wir diese Waffen nicht, überlassen wir einen souveränen, demokratischen Staat der Willkür und Brutalität Russlands. Werden wir schuldig weiter Gas und Öl aus Russland zu beziehen oder werden wir schuldig, die schwer kalkulierbaren wirtschaftlichen und politischen Folgen in Kauf zu nehmen? Dieser Krieg zwingt uns, schuldig zu werden, Stellung zu beziehen und uns einer Realität zu stellen, in der Mord und Krieg ganz nah bei uns sind. Uns einer Realität zu stellen, in der es keine leichten Antworten gibt, sondern auch uns etwas abverlangt wird, in der wir Schuld auf uns laden müssen. Dieser Krieg zwingt uns auch als Friedensbewegung schuldig zu werden und Stellung zu beziehen: wir wollen den Frieden, aber wollen wir einen Frieden, der von Russland bestimmt wird? Einen Frieden, der das ukrainische Volk, der Willkür, Macht und Brutalität Russlands ausliefert? Oder wollen wir einen Frieden, den die Ukraine sich erkämpfen kann, der mit unseren Waffenlieferungen geschehen kann. Ein Frieden, von dem wir nicht wissen, ob er kommt und ein Frieden, der mit dem Fortgang, der Verlängerung des Krieges, des Sterbens gekauft werden muss.
Ich habe keine Antwort darauf. Ich weiß nur, dass wir Schuld auf die ein oder andere Art auf uns laden müssen.
Heute ist Karsamstag. Der Tag, an dem auch Gott gestorben ist, der Tag, an dem wir noch nicht wissen, dass das Leben zurückkommen wird mit der Auferstehung. Als Christin frage ich mich: hört und sieht Gott wirklich, dieses Blut, das bis zum Himmel schreit in der Ukraine? Wird Gott wirklich das Leben zurückbringen, das am Karfreitag so brutal am Kreuz geraubt wurde? Oftmals zweifle ich, aber glaube und hoffe dennoch, dass das Leben siegen wird. Dass auch Frieden in die Ukraine zurückkehren wird. Ich glaube aber auch, dass die Friedensbotschaft, die Ostern mit sich trägt, nicht für einen russischen Patriarchen gelten kann, der das Christentum zur Waffe in Präsident Putins Hand werden lässt. Die Verbrüderung mit Wladimir Putin und die Rechtfertigung dieses Angriffskrieges ist nicht Christentum. Ostern bedeutet den Christen und Christinnen wahrhaft Leben, Sieg des Lebens, des Friedens über den grausamen Tod am Kreuz. Leben und Frieden, nicht Mord und Machtlüsternheit. Schämen Sie sich, Patriarch Kyrill! Schämen Sie sich, dass Sie den Namen Jesu Christi so schändlich mit Füßen treten. Schämen Sie sich, dass Sie unterstützen, dass in diesem Krieg getaufte Christen andere Christen umbringen! Schämen Sie sich, die Gemeinschaft aller Christen so schamlos gegeneinander aufzustacheln. Ich schäme mich für Sie und ich schäme mich dafür, dass Sie das Kreuz tragen, unter das auch ich mich stelle.
Aber nicht nur als Christin hoffe ich auf das Leben und Frieden. Ich stehe heute auch hier als Demokratin, die fest daran glaubt, dass Frieden wieder einkehren wird. Ich stehe hier als Demokratin, die hofft und fordert, dass das Blutvergießen in der Ukraine endet. Die hofft und fordert, dass der Frieden wieder einkehrt in die Ukraine – und in Europa. Als Demokratin, die aber auch weiß: wir Deutschen müssen Stellung beziehen und wir müssen auf die eine oder andere Art und Weise schuldig werden. Denn dieser Frieden, ein Frieden, der den Ukrainern und Ukrainerinnen Leben, Demokratie und Freiheit ermöglicht, wird mit Waffen erkämpft werden müssen. Dieser Frieden wird auf dem Schlachtfeld erkämpft werden müssen und auch wir in Deutschland bekommen ihn nicht gratis und unversehrt. Wir sind gezwungen Stellung zu beziehen gegen den Mord an Zivilisten und Zivilistinnen, für Demokratie und Freiheit. Wir sind gezwungen Stellung zu beziehen für Frieden – der uns zwingt schuldig zu werden, Waffen zu liefern. Für den Frieden gehen wir seit Jahrzehnten auf die Straße – so auch in diesem Jahr für den Frieden in der Ukraine. Für den Frieden, der 2022 uns aber schuldig werden lassen wird, der uns abverlangt, Stellung zu beziehen. Lasst uns gemeinsam Stellung beziehen für die Ukrainerinnen und Ukrainer. Damit beim nächsten Mal, wenn ich hier stehe und für den Frieden demonstriere: das Blut, das in der Ukraine vergossen wird, nicht mehr bis zum Himmel schreit.
Vielen Dank!
Theresa Mölke ist Referentin für Gesellschaftliche Verantwortung im Dekanat Odenwald der EKHN.