Katja Ertl, Neunburg v. Wald
Redebeitrag zum Antikriegstag 2026 bei der Veranstaltung am 1. September in Neunburg v. Wald
Redebeitrag zum Antikriegstag 2026 bei der Veranstaltung am 1. September in Neunburg v. Wald
+ + + Es gilt das gesprochene Wort + + +
Liebe Kolleginnen und Kollegen, sehr geehrte Damen und Herren,
ich danke Ihnen, dass Sie heute hierhergekommen sind – an diesen Ort, an dem es nichts zu feiern, aber sehr viel zu erinnern gibt.
Der Ort, an dem wir stehen
Wir stehen auf dem KZ-Gedenkfriedhof am Plattenberg. Ein Ort, den man nicht besucht, um etwas Schönes zu sehen. Ein Ort, den man besucht, weil man etwas wissen muss.
Im April 1945, als der Krieg, den Nazideutschland über Europa gebracht hatte, längst verloren war, trieb die SS Tausende Häftlinge des Konzentrationslagers Flossenbürg auf sogenannte Todesmärsche – weg von den heranrückenden alliierten Truppen, in Richtung Dachau. Am 21. April 1945 erreichte einer dieser Märsche Neunburg vorm Wald. Menschen aus der Bevölkerung brachten den entkräfteten Häftlingen Kartoffeln und Wasser. Und mitten in diesem Akt der Menschlichkeit geschah das Unfassbare: SS-Wachmannschaften erschossen und erschlugen entlang des Marsches 160 Menschen – ausgemergelt, wehrlos, kurz vor der Befreiung. Ihre Leichen wurden in einem Waldstück verscharrt.
Zwei Tage später, am 23. April, erreichten amerikanische Truppen das KZ Flossenbürg und erfuhren von dem Massaker. Die Toten wurden exhumiert, die Bevölkerung von Neunburg wurde gezwungen, an den Opfern vorbeizuziehen – damit niemand mehr sagen konnte, er habe nichts gewusst. 1946/47 entstand hier, am Plattenberg, dieser Friedhof: die letzte Ruhestätte für 615 namenlose Opfer der Todesmärsche. Einer der größten Gräberfelder für KZ-Opfer außerhalb eines Lagergeländes in ganz Bayern.
615 Menschen ohne Namen. 615 Biografien, die wir nicht kennen. Wir wissen nicht, wovon sie geträumt haben, wen sie zurückgelassen haben, was sie sich für ihr Leben nach der Befreiung erhofft hatten – eine Befreiung, die für sie nur noch wenige Tage entfernt war. Das ist es, was diesen Ort so unerträglich und zugleich so notwendig macht.
Warum wir am Antikriegstag hierherkommen
Der Antikriegstag, der 1. September, erinnert an den Tag im Jahr 1939, an dem Nazideutschland Polen überfiel und damit den Zweiten Weltkrieg entfesselte. Die deutsche Gewerkschaftsbewegung hat sich diesen Tag seit Jahrzehnten zu eigen gemacht – nicht aus abstrakter Friedensliebe, sondern aus bitterer eigener Erfahrung. Es waren Gewerkschafterinnen und Gewerkschafter, Sozialdemokratinnen, Kommunisten, die 1933 zu den Ersten gehörten, die in die Lager verschleppt wurden. Es waren Betriebsräte und Vertrauensleute, die sich dem Naziregime in den Weg stellten und dafür mit dem Leben bezahlten.
Deshalb ist der Satz, den wir heute hier wiederholen, für Gewerkschafterinnen und Gewerkschafter kein Lippenbekenntnis, sondern ein Vermächtnis: Nie wieder Krieg. Nie wieder Faschismus. Nie wieder darf von deutschem Boden Hass, Gewalt und Vernichtung ausgehen.
Antisemitismus heute
Zu diesem Ort gehört noch etwas, das ich nicht auslassen möchte. In vielen historischen Beschreibungen wird dieser Friedhof auch als „Judenfriedhof“ bezeichnet – weil unter den Opfern der Todesmärsche jüdische Häftlinge einen besonderen Anteil hatten. Die nationalsozialistische Vernichtungspolitik richtete sich gegen viele Gruppen, aber ihr Kern, ihr eigentliches Ziel, war die Vernichtung des europäischen Judentums. Wer an diesem Ort „Nie wieder“ sagt, meint deshalb immer auch: Nie wieder Antisemitismus.
Und hier müssen wir ehrlich sein: Dieses „Nie wieder“ ist heute keine Selbstverständlichkeit. Die Recherche- und Informationsstelle Antisemitismus registrierte für das Jahr 2025 bundesweit 8.725 antisemitische Vorfälle – im Durchschnitt 24 an jedem einzelnen Tag, und damit ähnlich viele wie im Jahr zuvor und weiterhin auf dem höchsten Stand seit Beginn der Erhebung. Besonders beunruhigend ist die Entwicklung im rechtsextremen Spektrum: Dort wurden so viele antisemitische Vorfälle gezählt wie nie zuvor seit Beginn dieser Zählung. Jüdinnen und Juden in Deutschland berichten, dass sie überlegen, ob sie einen Davidstern oder eine Kippa noch offen tragen können – auf offener Straße, in der U-Bahn, auf dem Schulhof.
Das geht uns als Gewerkschaften unmittelbar an. Der Antikriegstag steht nicht nur für die Ächtung von Krieg, sondern auch für die Ächtung von Rassismus und Antisemitismus – weil beides historisch und bis heute zusammengehört. Eine Gesellschaft, in der Menschen wegen ihrer Religion oder Herkunft angegriffen werden, ist keine sichere, keine friedensfähige Gesellschaft. Deshalb gilt an diesem Ort besonders: Wachsamkeit gegen Antisemitismus ist keine Nebensache, sie ist Teil unseres gewerkschaftlichen Auftrags.
Die Welt heute – und der Aufruf des DGB
Dieses Vermächtnis treffen wir in einer Zeit an, die uns alle mit Sorge erfüllt. Der Deutsche Gewerkschaftsbund hat das in seiner diesjährigen Erklärung zum Antikriegstag klar formuliert: Das Weltgeschehen wird zunehmend geprägt von den Großmachtansprüchen der USA, Chinas und Russlands – und für deren Durchsetzung schrecken sie auch vor der Anwendung und Androhung militärischer Gewalt nicht zurück. Krieg in der Ukraine. Krieg im Nahen Osten. Krieg im Sudan. Und mittendrin eine Bundesrepublik, die sich in den vergangenen Jahren an den Gedanken gewöhnt hat, „kriegstüchtig“ werden zu müssen.
Wir als Gewerkschaften sagen dazu: Wir wollen nicht kriegstüchtig sein. Wir wollen friedensfähig sein.
Das ist kein naiver Pazifismus, der die Augen vor der Realität verschließt. Es ist die feste Überzeugung, dass Sicherheit nicht allein militärisch zu erreichen ist. Sicherheit entsteht durch zivile Konfliktbearbeitung, durch Diplomatie, durch Entwicklungszusammenarbeit, durch humanitäre Hilfe und eine faire Handelspolitik. Und Sicherheit entsteht vor allem durch soziale Gerechtigkeit.
Denn Frieden und sozialer Zusammenhalt gehören zusammen. Wenn die Rüstungshaushalte explodieren, während beim Sozialstaat, bei der Bildung, bei der öffentlichen Daseinsvorsorge gespart wird, dann untergräbt das genau die Widerstandsfähigkeit unserer Gesellschaft, die wir angeblich stärken wollen. Der DGB sagt es unmissverständlich: Der deutsche Verteidigungshaushalt darf sich nicht an einer willkürlichen Fünf-Prozent-Zielvorgabe der NATO ausrichten – und er darf nicht zu Kürzungen bei sozialer Sicherung, bei Bildung und bei der klimaneutralen Modernisierung unserer Wirtschaft führen.
Der DGB fordert von der Bundesregierung außerdem eine strikt kontrollierte, transparente Rüstungsexportpolitik. Er fordert, dass Deutschland endgültig von den Plänen zur Stationierung neuer US-Mittelstreckenwaffen Abstand nimmt – Waffen, die eine gefährliche Rüstungsspirale in Gang setzen würden, ohne dass gleichzeitig echte Abrüstungsverhandlungen angeboten werden. Und der DGB lehnt die Wiedereinführung eines verpflichtenden Wehrdienstes und jeglicher anderer Pflichtdienste entschieden ab – solche Zwangsdienste greifen tief in Bildungs- und Erwerbsbiografien ein und belasten einseitig die jüngere Generation. Wer unser Land verteidigungsfähiger machen will, muss auf gute Arbeitsbedingungen und faire Bezahlung setzen – nicht auf Zwang.
Und der DGB erinnert auch an etwas, das gerade an diesem Ort besonders schwer wiegt: Völkerrecht gilt für alle, oder es gilt für niemanden. Ob in der Ukraine, in Israel, in Palästina, im Libanon, im Sudan – Verstöße gegen das humanitäre Völkerrecht müssen geahndet werden, unabhängig davon, wer sie begeht. Genau diese Beliebigkeit, mit der im 20. Jahrhundert über Menschenleben entschieden wurde, hat 615 Namenlose an diesen Hang gebracht.
Was das für uns hier in der Oberpfalz bedeutet
Man könnte meinen, Weltpolitik sei weit weg von Neunburg vorm Wald, weit weg von der Oberpfalz. Das Gegenteil ist der Fall. Wenn Rüstungshaushalte wachsen und gleichzeitig bei der Rente, bei der Pflege, bei den Krankenhäusern, bei der beruflichen Bildung gespart wird, dann spüren das die Kolleginnen und Kollegen in den Betrieben hier vor Ort – in Regensburg, in Schwandorf, in Amberg, in Cham, in Neumarkt. Dann spüren es die jungen Menschen, die eine Ausbildung beginnen wollen, und die Beschäftigten, die sich fragen, ob ihre Rente im Alter noch reicht.
Deshalb ist unser gewerkschaftliches Engagement für den Frieden kein Nebenschauplatz zu unserem Einsatz für gute Arbeit und einen starken Sozialstaat. Es ist derselbe Kampf. Wer Frieden will, muss auch soziale Gerechtigkeit wollen. Wer soziale Gerechtigkeit will, muss auch Frieden wollen. Beides lässt sich nicht gegeneinander ausspielen – auch wenn genau das gerade versucht wird.
Schluss
Wir stehen hier an den Gräbern von 615 Menschen, die niemand mehr beim Namen nennen kann. Wir können ihnen die Namen nicht zurückgeben. Aber wir können dafür sorgen, dass ihr Schicksal nicht folgenlos bleibt. Das ist die einzige Antwort, die diesem Ort angemessen ist: nicht Schweigen, sondern Erinnern. Nicht Gleichgültigkeit, sondern Haltung. Nicht Resignation, sondern Engagement – in unseren Betrieben, in unseren Gewerkschaften, auf der Straße, wo immer wir stehen.
Als Gewerkschaften werden wir nicht müde, es zu wiederholen, so lange, bis es niemand mehr überhören kann: Nie wieder Krieg. Nie wieder Faschismus. Friedensfähig statt kriegstüchtig.
Ich danke Ihnen.
Redner*in:
Katja Ertl ist DGB-Regionssekretärin der DGB Region Oberpfalz
Thema
- Antikriegstag (1. September)