Antikriegstag 2026
Antikriegstag 2026

Carsten Burckhardt, Witten

Redebeitrag zum Antikriegstag 2026 bei der Veranstaltung am 1. September 2026 in Witten

Redebeitrag zum Antikriegstag 2026 bei der Veranstaltung am 1. September 2026 in Witten

+ + + Sperrfrist: 1.9., Redebeginn ca.: 18 Uhr + + +
+ + + Es gilt das gesprochene Wort + + +

Liebe Kolleginnen, liebe Kollegen,liebe Freundinnen und Freunde,liebe Wittenerinnen und Wittener,

heute erinnern wir an den 1. September 1939 – an den Tag, an dem Nazi-Deutschland Polen überfiel und der Zweite Weltkrieg begann.

Ein Krieg, der Europa verwüstete.

Ein Krieg, der Millionen Menschen das Leben kostete.

Ein Krieg, der Familien auseinanderriss und ganze Generationen traumatisierte.

Militärisch begann der 2. Weltkrieg 
am 1. September 1939.

Aber begonnen - begonnen hatte er lange vorher.

Bevor Soldaten Grenzen überschreiten, 
werden Grenzen in den Köpfen gezogen.

Bevor Häuser brennen, wird die Sprache kalt.

Bevor Menschen verfolgt und ermordet werden, 
werden sie abgewertet.

Zu Fremden gemacht.

Zu Feinden erklärt.

Der Krieg wurde vorbereitet mit Hass und Hetze.

Mit Nationalismus.

Mit Aufrüstung.

Mit der Zerstörung der Demokratie.

Mit der Entrechtung von Menschen.

Und mit viel zu vielen, die schwiegen, wegsahen oder sich anpassten.

An diesem 1. September 2026 stehen zwei unverrückbare gewerkschaftliche Grundsätze:

Nie wieder Krieg!

Nie wieder Faschismus!

Das sind für uns keine Floskeln, die wir einmal im Jahr hervorholen und anschließend wieder wegpacken.
Das ist Teil unserer gewerkschaftlichen DNA.

„Nie wieder“ ist ein Auftrag.

  • An die Politik.
  • An unsere Gesellschaft.
  • An unsere Gewerkschaften.
  • Und an jeden Einzelnen von uns.

Liebe Kolleginnen und Kollegen,

sehr geehrte Damen und Herren,

vor wenigen Tagen war ich in Dresden – 
auf einer Delegiertenvorbesprechung.

Mehr als einhundert Kolleginnen und Kollegen aus Berlin-Brandenburg, Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen haben dort über die Zukunft unserer IG BAU beraten.

Ende dieses Monats findet unser Gewerkschaftstag statt.

Eine der intensivsten Diskussionen drehte sich um Frieden, Freiheit und die Sicherung unserer Demokratie.

Und ich habe dort etwas gespürt, das mir seit Monaten in vielen Gesprächen immer stärker begegnet:

…ein ernsthaftes Ringen um Zukunftsbilder – 
und tiefe Sorgen.

In welcher Welt werden unsere Kinder und Enkel leben?

Werden sie in Frieden aufwachsen?

Oder werden sie eines Tages in einen Krieg hineingezogen, den sie nicht begonnen und zu verantworten haben?

Wenn heute kaltschnäuzig und in Beamtensprache über Wehrdienst, Jahrgänge, Einsatzfähigkeit und Kriegstüchtigkeit gesprochen wird, 
stellen Eltern und Großeltern eine andere Frage:

Kann eines Tages mein Kind gemeint sein?

Ich selber - bin Vater zweier Söhne.

Und wenn über junge Menschen als personelle Ressource und militärische Reserve gesprochen wird, sehe ich keine statistischen oder militärischen Zahlen...

  • Ich sehe meine Kinder. 
  • Ich sehe Eure Kinder.
  • Ich sehe Eure Enkel.

Junge Menschen, die lernen, arbeiten, lieben und Familien gründen wollen.

Die ihr Leben noch vor sich haben.

Und ich will nicht, dass sie zum Kriegs-Material einer Politik werden, die weder sie noch wir entscheiden.

Kriege werden zu oft von Mächtigen begonnen.

Wegen Macht und Einfluss.

Wegen Land und Rohstoffen.

Wegen imperialem Größenwahn.

Oder weil ein Religiöser Diktator seine vermeintliche Größe dadurch beweisen will, dass er Menschen für ein großes göttliches Ziel opfert.

Kriege werden in gesicherten Regierungsgebäuden geplant.

Aber sie werden auf Schlachtfeldern, in Schützengräben, Kellern, Krankenhäusern und zerstörten Wohnungen erlitten.

Die Mächtigen verschieben Linien auf Landkarten. 
Die Familien zählen die Toten.

Nur wenige tausend Kilometer von uns entfernt leben Menschen Tag und Nacht in Angst.

In der Ukraine.

Aber auch in ferneren Kriegsgebieten, über die bei uns kaum oder zu wenig gesprochen wird.

Vor ein paar Tagen habe ich mit meinem Kollegen aus der Ukraine telefoniert. 
Er erzählte mir vom „Alltag“ in Kiew. … unglaublich…

Die Menschen sind hochgradig nervös und angespannt. Wenn sie ein Geräusch am Himmel hören wissen sie nicht:

Feindliches Flugzeug, Drohne oder Rakete?

Müssen wir unsere Kinder aus dem Bett reißen?

Müssen wir wieder in den Keller, in die Buker oder in eine U-Bahn-Station?

Kinder halten sich die Ohren zu.

Sie zittern.

Sie weinen.

Manche nässen sich vor Angst ein.

Ihre Eltern nehmen sie in den Arm und sagen:

„Alles wird gut.“

Obwohl sie selbst nicht wissen, ob es stimmt.

Sie funktionieren weiter, 
weil ihnen nichts anderes übrigbleibt.

Als hätte die Seele auf Notbetrieb umgestellt.

Denn wie sonst - hält ein Mensch jahrelang Angst aus?

Dabei sehnen sich die Menschen in Kriegsgebieten nur nach Normalität.

Sie wollen Ihre Kinder zur Schule bringen.

Zur Arbeit gehen.

Freunde treffen. Sport machen. Musik hören.

Pläne schmieden, die weiter reichen als bis zum nächsten Sirenenalarm.

Einfach leben.

Ohne Angst.

In Freiheit und Würde.

Und hier müssen wir eine schwierige Wahrheit aussprechen:

Menschen in einem angegriffenen Land wollen Frieden.

Aber sie wollen ihre Freiheit, ihre Heimat und ihre Selbstbestimmung nicht kampflos hergeben.

Ich werde mich nicht von einem sicheren Platz in Witten aus hinstellen und ihnen erklären, welchen Preis sie für Frieden zu zahlen haben.

Das wäre anmaßend.

Zum Völkerrecht gehört das Recht eines angegriffenen Staates, sich zu verteidigen.

Friedenspolitik – muss auch das im Auge behalten und darf dieses Recht nicht aufweichen oder wegreden…..
Aber ebenso klar ist:

Waffen schaffen keinen Frieden.

Sie können einen Angriff abwehren.

Waffen öffnen aber keine zerstörte Schule, 
Waffen heilen kein traumatisiertes Kind und 
Waffen bringen kein Vertrauen zurück.

Dafür braucht es Politik, Diplomatie und Völkerrecht.

Diplomatie ist keine Kapitulation.

Diplomatie will das Töten beenden, ohne Freiheit und Selbstbestimmung preiszugeben.

Darum darf die Frage nicht nur lauten:

Welches Waffensystem fehlt noch?

Sondern auch:

Wer kann vermitteln?

Wie schützen wir die Menschen?

Wie entsteht ein Frieden, der nicht die Kapitulation der Angegriffenen bedeutet?

Denn wir wissen aus unserer Geschichte:
Kriege beginnen nicht erst mit dem ersten Schuss.

Sie beginnen mit Worten und Feindbildern.

Ich weiß sehr wohl: 2026 ist nicht 1933.

Und die heutige AFD ist nicht die NSDAP. 
Vielmehr - noch nicht.

Geschichte wiederholt sich nicht wie eine Kopie.

Aber Geschichte warnt uns.

Die AfD arbeitet mit Angst, Ausgrenzung und Sündenböcken. Lautstark. Aggressiv. 

Parteien, die auf dem Boden des Grundgesetzes stehen, dürfen der AfD nicht hinterherlaufen, indem sie deren rassistische und menschenverachtende Positionen in demokratische Worthülsen kleiden, verharmlosen und sich am Ende selbst zu eigen machen.
 

Wer die AFD Begriffe übernimmt, trägt das Gift ihrer Politik in die Mitte der Gesellschaft.

Am Ende gewinnt nicht die Kopie. 
Am Ende gewinnt das Original.

Eine Brandmauer zeigt sich in Sprache
politischer Haltung und bei 
Abstimmungen in den Parlamenten.

Eine ernsthafte Prüfung eines Parteiverbotsverfahrens darf auch kein Tabu sein.

Eine wehrhafte Demokratie darf nicht warten, bis aus Worten Taten werden.

Der Deutsche Gewerkschaftsbund stellt diesen Antikriegstag unter den Satz:

„Friedensfähig statt kriegstüchtig!“

Das bedeutet nicht, wehrlos zu sein.

Krieg darf nicht zum Leitbild unserer Gesellschaft werden. Darf nicht zur Normalität werden.

Gerade hier in Witten, mitten im Ruhrgebiet, wissen wir, wie schnell Krieg zerstört – und wie lange es dauert, das Zerstörte wieder aufzubauen.

Eine Bombe braucht nur Sekunden, um ein Haus in Trümmer zu legen.

Menschen brauchen Jahre, manchmal Jahrzehnte, um aus diesen Trümmern wieder einen Ort zum Leben zu schaffen.

Wir als 157jährige Baugewerkschaft wissen:

  • Der Lärm einer Explosion zerstört Zukunft.
  • Der Lärm einer Baustelle baut Zukunft

Frieden ist vielleicht der größte Bauauftrag der Menschheit.

Sein Fundament ist die Menschenwürde.

Sein Bauplan ist das Recht.

Seine tragenden Wände sind Demokratie und soziale Gerechtigkeit.

Liebe Kolleginnen und Kollegen,

sehr geehrte Damen und Herren,

Nie wieder ist jetzt.

Deshalb rufe ich uns alle auf:

Lasst uns Brücken bauen, wo andere Mauern errichten.

Lasst uns widersprechen, wo Hass gesät wird.

Lasst uns zusammenstehen, 
wo Menschen ausgegrenzt werden.

Und lasst uns Frieden nicht nur fordern.

Lasst ihn uns bauen – Tag für Tag, Wort für Wort, Entscheidung für Entscheidung.

Für Frieden. Für Toleranz. Für Vielfalt.

Für eine Demokratie, die stark ist, 
weil sie menschlich bleibt.

Nie wieder Krieg.

Nie wieder Faschismus.

Nie wieder ist jetzt! 

Vielen Dank.

Redner*in:

Carsten Burckhardt ist Stellvertretender Bundesvorsitzender der Industriegewerkschaft Bauen-Agrar-Umwelt

Thema

  • Antikriegstag (1. September)