Antikriegstag 2026
Antikriegstag 2026

Wiltrud Rösch-Metzler, Freudenstadt

Redebeitrag zum Antikriegstag 2026 bei der Veranstaltung am 1. September in Freudenstadt

Redebeitrag zum Antikriegstag 2026 bei der Veranstaltung am 1. September in Freudenstadt

+ + + Es gilt das gesprochene Wort + + +

Liebe Friedensfreundinnen und Friedensfreunde,

herzlichen Dank für die Einladung nach Freudenstadt. Es tut gut zu wissen, dass es hier Gleichgesinnte gibt, Menschen, die den 1. September 1939 erinnern als Warnung vor Krieg und Hochrüstung.

Pax christi, wo ich mich engagiere, ist Ende des 2. Weltkriegs entstanden. Katholische Franzosen hatten damals für ihre deutschen Feinde gebetet und die Hand zur Versöhnung ausgestreckt. Es gab dann gemeinsame Gebetsrouten. Diese Versöhnung wirkt immer noch ansteckend. Und so haben sich auch in anderen Ländern und Kontinenten pax christi Organisationen gegründet. Wir sind heute eine internationale Bewegung, geleitet vom Evangelium und der christlichen Friedensbotschaft.

Letzte Woche war der Gesandte von Papst Leo XIV. in Moskau. Das war eine Überraschung. Ich erinnere mich noch gut daran, dass bei Merz und Co die Empörung groß war, als Putin vor einiger Zeit vorschlug, die EU solle einen Verhandler schicken. In der EU war diese Idee offiziell schnell vom Tisch. Stattdessen wurden wieder Waffen in die Ukraine geschickt.

Und wir kennen das vermutlich alle. Wer schon nach dem Angriff Russlands auf die Ukraine dafür war nach einer Verhandlungslösung zu suchen oder wie pax christi bereits im Jahr 2014, als Russland die Krim besetzte, eine neue Entspannungspolitik mit Russland forderte, galt als Putin-Versteher. Das Feindbild Russland, das diejenigen, die schon länger in der Friedensbewegung sind, sehr gut kennen, ist wieder auferstanden. Putin ist schuld, weshalb Deutschland aufrüsten muss. Weil er die Ukraine überfallen hat und jederzeit Nato-Länder überfallen könnte, braucht es eine starke Rüstungsindustrie. Papst Leo beobachtet weltweit diese erneute Versuchung „eine kollektive Identität gegen einen Feind aufzubauen, in denen sich jede Partei als Opfer darstellt, das ein Recht auf Vergeltung hat. Vereinfachende Schemata – „ich zuerst“, „Freund-Feind“, „wir-ihr“ begünstigen oft unverantwortliche Entscheidungen, die das gegenseitige Vertrauen zwischen den Nationen untergraben.“  

Das war ein Zitat aus Papst Leos jüngster Enzyklika, die allgemein als Lehrschreiben zu Künstlicher Intelligenz gilt. Aber, wenn man sie ganz liest, merkt man, wie stark sie sich für den Weltfrieden macht. Der Papst spricht von einer „besorgniserregenden Rehabilitierung des Krieges als Instrument der internationalen Politik“ und einer „Kultur der Macht“, die „den Krieg normalisiert, nach immer größerer militärischer Macht strebt, die Krise des Multilateralismus ausnutzt und einen falschen Realismus schürt, der beständig wiederholt, dass es keine Alternativen gibt.“     

In der Rüstungsindustrie sieht er eine „eigenständige Triebkraft für kriegerische Entscheidungen“. Er kritisiert außerdem das unkontrollierte Wettrüsten bei Atomwaffen und die damit verbundene irrige Annahme nukleare Abschreckung sei für die Sicherheit unverzichtbar. Und natürlich beschäftigt er sich auch mit der Rolle der KI in Kriegen. Der Vatikan hat kürzlich festgestellt, dass die zunehmende Leichtigkeit, mit der operationell autonome Waffensysteme eingesetzt werden können, Krieg „durchführbarer“ macht und er weniger der menschlichen Kontrolle unterworfen ist. Das widerspricht dem Grundsatz, dass der Einsatz von Waffengewalt nur als letzte Option in Fällen legitimer Verteidigung erfolgen sollte. Der Vatikan fordert deshalb strengste ethische Auflagen auf KI hinsichtlich Menschenwürde und Unantastbarkeit des Lebens. 

Der Papst ermahnt uns auch, keine Komplizin zu sein. Denn es gebe Konflikte, bei denen es nicht richtig ist, neutral zu bleiben. Der Papst nennt Bombenangriffe auf Zivilisten, Angriffe auf Krankenhäuser, Schulen oder lebenswichtige Infrastruktur sowie Gewalt, die Kinder trifft. Wenn wir solche Verbrechen auf unseren Kundgebungen, in Leserbriefen und Unterschriftenaktionen anklagen, ist das nicht nur in Solidarität mit den Opfern, sondern entspricht ureigenem christlichem Handeln.

Was bedeutet das konkret? Bei pax christi haben wir seit Jahrzehnten Kontakte zu israelischen und palästinensischen Friedens- und Menschenrechtsorganisationen. Mindestens 21.283 palästinensische Kinder wurden seit dem 7. Oktober 2023 in Gaza getötet, 265 wurden seit Beginn des „Waffenstillstands“ getötet. Vor kurzem hat die „Unabhängige internationale Untersuchungskommission der Vereinten Nationen für die besetzten palästinensischen Gebiete, einschließlich Ostjerusalem, und Israel“ ermittelt, dass palästinensische Kinder von den israelischen Streitkräften gezielt angegriffen und getötet wurden. Völkermord, Verbrechen gegen die Menschlichkeit und Kriegsverbrechen im Gazastreifen sowie Kriegsverbrechen im Westjordanland, sieht die UN-Kommission als erwiesen an. Doch die israelische Regierung fährt mit ihrer Kriegspolitik fort. Der Gazastreifen soll jüdisch besiedelt werden. Über die mörderischen Methoden, wie die Palästinenser aus Gaza vertrieben werden sollen, wurde in unseren Medien berichtet.

Aber immer noch folgen keine Konsequenzen in der deutschen Politik. Immer noch werden in der deutschen Staatsraison diese Verbrechen ausgeblendet. Die Bundesregierung muss nach dem Völkerrecht Rechenschaftspflicht für diese Verbrechen einfordern, Täter verhaften. Die Regierung darf nicht zum Händeschütteln nach Israel fahren, nachdem die israelische Besatzungsmacht nicht die kleinste Bereitschaft zeigt, die Rechte der Palästinenser anzuerkennen. Weil Israel Menschenrechte verletzt und muss die EU ihr Assoziationsabkommen mit Israel aussetzen und die Bunderegierung darf diesen Schritt nicht länger blockieren. Vor allem muss sie die militärische Zusammenarbeit mit Israel sofort stoppen, statt als Komplizin der Verbrechen zu agieren. Diese Forderungen trägt pax christi in die Öffentlichkeit. Um das Selbstbestimmungsrecht der Palästinenser zu stärken, sammeln wir derzeit Unterschriften. Deutschland muss den Staat Palästina endlich anerkennen.

Statt auf Gewalt, Vertreibung und Tod zu setzen, braucht es Hoffnung und eine Zukunftsperspektive für die Menschen in Israel und Palästina. Sonst wird aus den Erfahrungen von Gewalt nur neue Gewalt, Verzweiflung und Angst. Der 1948 gegründete Staat Israel ist von 161 Ländern anerkannt, seit 1993 auch von der PLO. Der im Jahr 1988 vom Palästinensischen Nationalrat ausgerufene Staat Palästina ist mittlerweile von 157 Ländern anerkannt, auch vom Vatikanstaat. Wir von der Kampagne „Staat Palästina anerkennen“ sind jedoch überrascht, dass unsere Forderung in Deutschland bei den Politikern, leider auch bei Kirchenleuten und Friedensbewegten so wenig Resonanz findet. Damit müssen wir dem heiligen Augustinus recht geben, der im 12. Jahrhundert schrieb, es gibt niemanden, der keinen Frieden will; aber nicht jeder ist bereit sich für Gerechtigkeit einzusetzen.

Zurück zum päpstlichen Lehrschreiben. Christlicher Humanismus lehnt Technik nicht ab, sondern sorgt sich darum, dass sie menschenwürdig eingesetzt wird. Zu den Gütern, die allen gehören, zählen nun auch Daten, Algorithmen, digitale Plattformen etc. Es geht auf keinen Fall, dass nur wenige Tech-Konzerne über diese Güter bestimmen und die ungleiche Güter-Verteilung auf der Erde verschärfen. Staaten und supranationale Organisationen müssen Zusammenarbeit organisieren, und zwar so, dass diese neuen Güter dem Gemeinwohl dienen. Papst Leo will, dass KI entwaffnet wird. Entwaffnen bedeutet, die KI dem bewaffneten Wettbewerb, der sich geopolitisch abspielt, zu entziehen und die Gleichsetzung von technischer Macht und dem Recht zu herrschen aufzubrechen. 

KI wird in den heutigen Kriegen eingesetzt. KI mindert jedoch nicht die dem bewaffneten Konflikt innewohnende Unmenschlichkeit; sie kann Krieg lediglich schneller und unpersönlicher machen. Sie kann zwar die Verteidigung und den Schutz der Zivilbevölkerung verbessern, „aber sie kann auch die Schwelle für den Einsatz von Gewalt senken.“ Die Verantwortungskette müsse identifizierbar und überprüfbar bleiben; Diejenigen, die entwickeln, ausbilden, genehmigen und einsetzen, müssen für ihre Entscheidungen Rechenschaft ablegen können. Irreversible Entscheidungen dürfen nicht der Schnelligkeit und der Effizienz unterliegen und Zivilisten müssten in jedem Fall geschützt werden.     

Der Papst ist alarmiert: Frieden sei international als Bezugspunkt verloren gegangen. Es gehe nur darum wie und wann militärisch gehandelt werden soll, während gleichzeitig argumentiert werde, dass es unverantwortlich wäre sich nicht auf eine Konfrontation vorzubereiten. Der Papst verurteilt diese Form der Realpolitik, die Resignation angesichts eines unvermeidlichen Krieges sät. 

Mir selber geht es manchmal so, dass ich resignieren möchte, angesichts der Ungeheuerlichkeit der kriegerischen Zustände, die kein Völkerrecht und keine Strafbarkeit mehr kennen, aber damit kommen wir beim Papst und vermutlich auch vor uns selber nicht durch. Jede und jeder hat Verantwortung in seinem Bereich. Wir können vieles tun. Der Papst empfiehlt beispielsweise „die Worte zu entwaffnen“. Wir können zum Guten beitragen z.B. indem wir jemanden unterstützen, der Trost braucht oder indem wir eine Ungerechtigkeit anprangern. Und weiter: wir können „die Perspektive der Opfer einnehmen“ oder wir können „den Dialog neu anstoßen“ Auf politischer Ebene sei es dringend erforderlich, von der Kultur der Macht zu einer echten Kultur der Verhandlung überzugehen. Mit seinem Gesandten in Moskau hat Papst Leo diesen Weg beschritten. Einige seiner Vorgänger haben sogar Friedensverhandlungen moderiert. Auch wir können das Aufeinanderzugehen wieder üben, beispielsweise mit Russland ausgesetzte Städtepartnerschaften und Freundschaften wieder beleben.  

Wir können zusammen für Abrüstung und Frieden eintreten, etwa auf der Demo am 3. Oktober in Stuttgart, 13.00 Uhr am Schlossplatz. Hierzu lade ich ganz herzlich ein. Ihr werdet dort meine Vorrednerin Ronja wieder hören.

Ich danke euch für Eure Aufmerksamkeit und hoffe, euch am 3. Oktober in Stuttgart wieder zu sehen.

Redner*in:

Wiltrud Rösch-Metzler ist pax christi Diözesanvorsitzende in Rottenburg-Stuttgart

Thema

  • Antikriegstag (1. September)