Lutz Mükke, Kamenz

Redebeitrag für den Ostermarsch in Kamenz am 21. April 2025

 

- Es gilt das gesprochene Wort –

 

Liebe Friedensfreundinnen und Friedensfreunde, liebe Mitstreiterinnen und Mitstreiter, 

Wir haben uns heute hier versammelt, weil wir etwas verteidigen wollen, das unter stark Beschuss steht - nicht nur mit Waffen, sondern mit Worten: den Frieden.

Wir stehen hier, weil wir wissen, dass Frieden nicht entsteht, indem man Waffen liefert. Weil wir wissen, dass nicht derjenige „realistisch" ist, der Panzer schickt - sondern derjenige, der bereit ist, Konflikte zu verstehen, bevor er sie befeuert. Und doch erleben wir genau das Gegenteil.

Wir leben in einer Zeit von systematischer Kriegspropaganda.

Wer heute Krieg führen will, muss ihn vorher verkaufen - und zwar sehr gut. Nicht an fremde Völker, sondern an uns: an die eigene Bevölkerung.

Er muss ihn verpacken, rechtfertigen und moralisch aufladen.

Und das beginnt eben nicht mit dem ersten Schuss - sondern mit Sprache, Bildern, Schlagzeilen, in Talkshows, Twitter-Narrativen und emotionalisierten Nachrichten. Und hier verstärkt sich gegenseitig eine Allianz aus Medien, Politik, Militär und Rüstung - die sich eben nicht mehr gegenseitig kontrollieren, so wie es sein sollte.

Kriege brauchen Feindbilder.

Die Logik ist Jahrtausende alt - aber sie funktioniert immer und immer wieder:

Zuerst wird ein Feind konstruiert - gefährlich, irrational, unmenschlich. Ein Feind, mit dem man nicht reden kann. Ein Feind, den man dann schließlich nicht einmal mehr verstehen darf - weil jedes Verständnis schon als Verrat gilt.

Heute heißt der Feind Putin oder Xi oder "der lslamismus" oder „Der Westen." Oder auch gleich mal der globale Süden, wenn er nicht spurt, je nach der Seite, auf die man gezwungen werden soll. Was zählt, ist nicht differenzierte Analyse - sondern Mobilisierung durch Angst.

Und diese Feindbilder werden Tag für Tag genährt. Sie laufen im Dauerloop durch unsere Medien. Nicht unbedingt als Propaganda im klassischen Sinn - sondern als Reduktion der Komplexität. Als gezieltes Weglassen von Kontext, Geschichte, Verantwortung.

Und hier kommt die Medienlandschaft ins Spiel und die Verantwortung von unabhängigen Journalismus. Hier erleben wir eine gefährliche Entwicklung:

Redaktionen und Journalisten fühlen sich offenbar weniger der Unabhängigkeit und Komplexität verpflichtet, im fairen Ringen um eine gutes gesellschaftliches Gespräch, sondern sie folgen einer Linie. Sie orientieren sich an NATO-Narrativen, an Ministerstatements, an Agenturmeldungen.

Nicht an kritischen Stimmen, nicht an zivilgesellschaftlichen Perspektiven, nicht an den Ursachen von Konflikten. Was wir sehen, ist oftmals weit entfernt von neutraler Berichterstattung - es ist selektive Realitätsproduktion.

Und das hat Folgen:

Friedensstimmen werden marginalisiert. Abrüstung ist medial kein Thema mehr. Wer verhandeln will, gilt als „naiv".

Wer nach Ursachen fragt, als „problematisch".

Gleichzeitig erleben wir eine erschreckende Militarisierung der Öffentlichkeit. Die Bundeswehr ist heute nicht nur in Kasernen präsent.

Sie ist in Schulen, in Kindergärten, auf Werbetafeln, auf YouTube, in Social Media, auf Berufsmessen - und zunehmend auch in Redaktionen.

Militärs sitzen in Talkshows, kommentieren Kriegsverläufe, sprechen als „Experten" - oft, ohne dass ihre institutionelle Verflechtung mit Rüstung und Politik transparent gemacht wird. Sie treten als scheinbar neutrale Stimmen auf - doch ihre Perspektive ist alles andere als neutral oder unpolitisch. Sie sind involvierte Akteure und keine unabhängigen Experten.

Das ist gefährlich. Denn es verschiebt den öffentlichen Diskurs: Was früher als Eskalation galt, gilt heute als „Verantwortung". Was früher Kriegshetze war, gilt heute als „wehrhafte Demokratie".

Und auch die Rüstungsindustrie bleibt nicht im Hintergrund.

Rheinmetall, Airbus Defence, Lockheed Martin - sie schalten mittlerweile offen Werbung, ihre Aktienkurse werden gefeiert. Sie geben sich modern, technokratisch, verantwortungsbewusst - während ihre Produkte Tod und Leid bringen.

Und wir sehen auch Politikerinnen und Politiker, die nach ihrer Amtszeit in Aufsichtsräten von Rüstungskonzernen oder militärischen Think-Tanks landen. Wechsel zwischen Parlament, Industrie und Strategiezentren sind längst normalisiert. Vor Jahren hat man hier noch um Hygiene gerungen.

Das ist nicht gut für eine Demokratie - das sind Machtkartelle.

Ein Kartell, das nicht nur Waffen exportiert, sondern auch Meinungen.

Das entscheidet, welche Kriege moralisch sind und „bedauerlich, aber notwendig".

Doch wir sagen: Nicht in unserem Namen.

Wir lassen uns diesen Diskurs nicht aufzwingen.

Wir stellen uns gegen die Normalisierung des Militärischen.

Gegen die Verrohung der Sprache. Gegen die moralische Überhöhung auch westlicher Gewalt. Gegen das Schweigen über zivile Alternativen.

Denn:

Wer Krieg „alternativlos" nennt, hat den Frieden längst aufgegeben. Wer Aufrüstung als „humanitär" verkauft, betreibt Zynismus.

Und wer Diplomatie aus dem öffentlichen Diskurs verbannt, gefährdet unsere Zukunft.

Und das wir heute hier sind ist wichtig. Denn Ostermarsch heißt: Wir widersprechen. Wir widersprechen der Lüge, dass Krieg Sicherheit bringt.

Wir widersprechen der Einseitigkeit in der Berichterstattung.

Wir widersprechen der Rüstungslogik, die Profite über Menschen stellt.

Und wir erinnern daran, dass Frieden mehr ist als die Abwesenheit von Krieg.

Frieden heißt: Gerechtigkeit, Dialog, Abrüstung, Verständigung. Verständigung auch mit Gegnern und selbst mit Feinden, vielleicht ist gerade das wichtig.

Frieden heißt auch: Den Mut zu haben, Nein zu sagen - auch wenn es unbequem ist. Wir sind nicht naiv. Wir sind entschlossen.

Entschlossen, nicht mitzumachen.

Entschlossen, Fragen zu stellen.

Entschlossen, dem Frieden wieder eine Stimme zu geben.

Denn wenn alle schweigen - ist es unsere Aufgabe, laut zu sein. Wenn alle mitmarschieren - ist es unsere Aufgabe, stehen zu bleiben.

Für eine Welt ohne Feindbilder.

Für eine Politik ohne Kriegslogik.

Für einen Journalismus, der fragt statt frisiert. Für den Frieden. Überall. Jetzt. Und mit allen.

Vielen Dank.

 

Dr. Lutz Mükke ist Initiator der Initiative und Vereinsvorsitzender von „Leipzig bleibt friedlich!"