Susanne Edel, Tübingen
Redebeitrag für die Hiroshima / Nagasaki-Gedenkveranstaltung am 6. August 2025 in Tübingen
- Sperrfrist: 6.8., Redebeginn: 16:30 Uhr -
- Es gilt das gesprochene Wort
Liebe Mitmenschen in Tübingen,
wer wünscht ihn sich nicht, einen Schutzschirm über sich. Gruselig, dass aus dem offenen Himmel über uns auch atomar bestückte Bomben fallen könnten. Uns alle verbindet das Anliegen: wir wollen verhindern, dass dies passiert.
Unter diesem Anliegen haben wir uns hier versammelt.
Wir erinnern uns dabei erstens an die Atombombenabwürfe vor 80 Jahren und das mit ihnen verbundene Erschrecken und Entsetzen.
Zweitens fragen wir, wo stehen wir heute im Blick auf das Risiko, dass Machthaber uns Atombomben schicken.
Was können wir tun, damit dieses Risiko nicht länger besteht?
Zum ersten:
Helmut Lohrer hat uns eben eindrücklich vor Augen geführt, was vor 80 Jahren geschehen ist. Nehmen wir uns Zeit für eine Gedenkminute an die Opfer der beiden Atombombenabwürfe vor 80 Jahren.
Senji Yamaguchi hat als 14 Jähriger am 9. August 1945 den Atombombenabwurf auf Nagasaki erlebt. Er erlitt starke Strahlenverbrennungen. Sein Gesicht blieb zeitlebens entstellt. 1956 rief er die Organisation Nihon Hidankyo ins Leben. Niemand sonst soll so leiden müssen wie sie in Hiroshima und Nagasaki, so die Botschaft der Überlebenden. Deshalb setzt sich die Organisation für die Vernichtung aller atomaren Waffen ein.
2024 erhielt sie den Friedensnobelpreis. Der Vorsitzende des Friedensnobelpreiskomittees, Jørgen Watne Frydnes, begründete die Entscheidung am 11.10.24 folgendermaßen: „In diesem Moment der
Menschheitsgeschichte lohnt es sich, uns daran zu erinnern, was Atomwaffen sind: die zerstörerischste Waffe, die die Welt je gesehen hat“. Frydnes warnt: Heutige Atomwaffen mit noch viel größerer Zerstörungskraft „können Millionen töten und hätten katastrophale Auswirkungen auf das Klima. Ein Atomkrieg könnte unsere Zivilisation zerstören.“ Dieser Warnruf steht auch heute in den Zeitungen.
Nach dem Atombombenabwurf 1945 gab es vor allem in den Naturwissenschaften ein Erschrecken: können wir verantworten, was unsere Forschungen ermöglicht haben? Robert Oppenheimer, der als wissenschaftlicher Vater der Atombombe gilt, verurteilte einen weiteren Einsatz klar. Voller Entsetzen hatte er wahrgenommen, welche Folgen die Abwürfe in Hiroshima und Nagasaki hatten. In einem von vielen Physikern, nicht zuletzt von Albert Einstein, unterzeichneten Manifest heißt es: „In einem nuklearen Krieg kann keine Seite darauf hoffen, als Sieger hervorzugehen. Im Fall eines solchen Krieges besteht die Gefahr, dass Staub und Regen radioaktiver Wolken die Menschheit - wir ergänzen heute: das Leben auf der Erde – zerstören.“
Eigenartig: wir wissen alle: so ist es – und doch wirken die derzeitigen Diskussionen so, als müssten wir dies halt in Kauf nehmen. Die Sängerin Mariana Stadovska sagte bei einem Konzert im Bundeskanzleramt 2022: „Wir können doch nicht so einen Verbrecher wie Putin davonkommen lassen, nur weil er mit der Atombombe droht… Wenn die Welt untergeht, weil wir der Ukraine helfen, dann soll es halt so sein.“
Damit sind wir beim zweiten Punkt meines Redebeitrags angekommen: Wo stehen wir? Und wo wollen wir hin?
Aus den Worten von Mariana Stadovska höre ich Verzweiflung. Verzweiflung angesichts des in der Tat abscheulichen Überfalls der Ukraine durch russisches Militär.
Und die Sehnsucht, dass Unrecht und Gewalt sich nicht durchsetzen.
Verzweiflung, Entsetzen, Wut – und der Impuls: wir müssen dieses Leid beenden. Es braucht wirksamen Schutz gegen solche Überfälle – jetzt, morgen, übermorgen.
Doch ich höre aus den Worten noch mehr – und das macht mich unruhig. Ich höre ein: „Hauptsache, wir bestrafen die Täter – auch wenn die Welt durch einen Atomkrieg untergeht.“ „Mürrische Indifferenz“ gegenüber der Gefahr eines Atomkriegs nennt Heribert Münkler dies.
Wenn allen die Gefahr eines Atomkriegs gleichgültig ist, steigt die Wahrscheinlichkeit, dass er eintritt.
Wir sind hier zusammengekommen, weil wir sagen: Auch wenn wir manchmal verzweifelt sind und nicht weiterwissen: es ist nicht egal. Es ist unsere Verantwortung dafür zu sorgen, dass die Welt nicht durch einen Atomkrieg untergeht.
Achtzig Jahre lang lag eine Scheu in der Luft – wir könnten auch sagen: ein Tabu. Atomwaffen dürfen nicht eingesetzt werden. Sie sind zu schrecklich – und wir in Europa würden damit mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit ohnehin ausgelöscht. Nicht von ungefähr enden alle Manöver, die in der NATO derzeit durchgespielt werden, mit einem Atomkrieg in Europa.
Dagegen erheben wir unsere Stimme und sagen:
- Es ist völlig unvernünftig, davon auszugehen, dass Politik und Militär bei einer Vorwarnzeit von 100-120 Sekunden vor der Zündung einer Atombombe rational abwägen können.
- Es ist erst recht völlig unvernünftig, darauf zu vertrauen, dass KI-gesteuerte Warnsysteme fehlerfrei arbeiten und Fehlalarme von echten Alarmen mit 100%iger Wahrscheinlichkeit unterscheiden werden. Und ja, auch Menschen können Fehlalarme falsch einschätzen. Es ist zum Glück bis heute nicht passiert: wow, da haben wir Schwein gehabt. Es gab Falschmeldungen, die einen Gegenangriff auslösten, der im letzten Moment abgebrochen wurde. (Fast wäre es anders gekommen.)
- Es ist weiter völlig unvernünftig, darauf zu vertrauen, dass Autokraten Atombombeneinsätze im Sinne unserer Rationalität planen und entscheiden werden. Ich halte es für hochwahrscheinlich, dass Hitler bei seinem Suizid die Menschheit gerne mitgenommen hätte, wenn er die entsprechende Atombombe zur Verfügung gehabt hätte. Sollte das bei heutigen Autokraten anders sein?
Vielleicht sagen jetzt Manche: aber heute kann man doch auch kleine Atomwaffen einsetzen auf dem Gefechtsfeld. Wir sagen: auch dann sind die Folgen entsetzlich und widersprechen humanitärem Völkerrecht. Dazuhin ist es sehr wahrscheinlich, dass weitere Atomwaffen eingesetzt werden, wenn das Atomwaffeneinsatztabu einmal gebrochen ist. Der nukleare Winter mit einer Auslöschung alles Lebendigen ist dann nicht fern.
Deshalb sagen wir:
Der Schutzschirm, den wir zur Verhinderung eines Atomkriegs brauchen, ist die Abschaffung aller Atomwaffen.
Wir wollen nicht darauf vertrauen, dass wir weiterhin Glück haben und es schon keine technischen Versehen geben wird.
Wir wollen nicht darauf vertrauen, dass es keine Fehleinschätzung gegnerischer Bedrohung geben wird, die einen Atomkrieg auslösen.
Wir vertrauen darauf, dass wir als vernünftige Menschen in der Lage sind, den Autokraten unserer Zeit deutlich zu machen, dass Atomwaffen auch sie bedrohen.
Wir vertrauen darauf, dass die Einsicht wächst, Atomkriege sind nicht zu gewinnen, es wird nur Verlierer geben, auf allen Seiten.
Die Phantasie durch einen Erstschlag überleben zu können, gehört in die Welt der Märchen.
Die Phantasie, die Androhung eines Atomwaffeneinsatzes könne ihn verhindern, gehört ebenso in die Welt der Märchen.
Schreckliche Märchen, die alles zerstören. Hybris nennen wir das. Menschen in Machtpositionen leiden oft unter dem damit verbundenen Realitätsverlust. Sie überschätzen die eigenen Fähigkeiten und Kompetenzen und Vernünftigkeit.
Deshalb:
Atomwaffen gehören abgeschafft! Erst recht muss ein Atomwaffeneinsatz tabu bleiben. Auch Atomwaffeneinsatzspiele.
Der Atomwaffensperrvertrag ist 2021 in Kraft getreten – treten wir ihm bei. Es ist ein riesiger Durchbruch auf internationaler Ebene.
Mit Atomwaffen spielt man nicht. Auch die Behauptung, nur mit ihnen könnten wir gegen sie sein, ist ein verrücktes Spiel. Beenden wir es.
Wir glauben an das Wunder, dass wir Menschen anders können als verrückt sein. Damit sich der offene Himmel weiter über uns allen spannt.
Danke fürs Zuhören.
Dr. Susanne Edel Pfarrerin im Ruhestand und Mitglied der Initiative aufbruch-zum-frieden.de