Maike Ulrich, Schwäbisch Gmünd

Redebeitrag für die Hiroshima / Nagasaki-Gedenkveranstaltung am 9. August 2025 in Schwäbisch Gmünd

- Es gilt das gesprochene Wort –

 

Beim Propheten Micha im Ersten Testament der Bibel steht:

Sie werden ihre Schwerter zu Pflugscharen machen und ihre Speere zu Sicheln… und sie werden hinfort nicht mehr lernen, Krieg zu führen. ( Micha 4,3)

Nicht mehr lernen Krieg zu führen.

Und was stattdessen lernen?

Lernen hat im hebräischen Denken einen hohen Stellenwert.

Das sieht man auch am hebräischen Alphabet.  

Wenn man die Buchstaben übt und lernt zeichnet man sie in ein quadratisches Kästchen ein.

Der einzige Buchstabe aber, der über dieses Kästchen oben etwas hinausragt, ist der Buchstabe L. Er heißt im Hebräischen Lamed.

Und dieses Lamed hat mit dem Tunwort/ Verb: Lamad zu tun.  Lamad bedeutet Lernen.

Lernen heißt also: im vorgegebenen Raum zu üben und über das Vorgegebene neugierig hinauszuschauen und auch hinauszugehen.   

Im Mai dieses Jahres gab es in den Tagen vom Evangelischen Kirchentag in Hannover zusätzlich zu dessen Veranstaltungen ein unabhängiges Ökumenisches Friedenszentrum.   Friedensfähig statt kriegstüchtig war das Motto.

Es wurde maßgeblich von Pfarrerin Susanne Büttner Dekanin im Strafvollzug Schwäbisch Gmünd und anderen Mitdenkenden vorbereitet und durchgeführt. Danke vielmals, Susanne.

Sie, Herr Dr. Bundschuh haben auch dort einen Vortrag gehalten.

Am ersten Tag des Forums wurde ein Friedensruf von Christinnen und Christen mit 7 Artikeln verabschiedet.

Artikel 7 beginnt mit diesen Worten vom Propheten Micha.

Sie werden ihre Schwerter zu Pflugscharen machen und ihre Speere zu Sicheln… und sie werden hinfort nicht mehr lernen, Krieg zu führen.

In der Deutung dieser Worte steht:

Es wird gesagt, wir müssten kriegstüchtig werden und Frieden durch Aufrüstung sichern. Wir aber wollen friedensfähig werden. Geld, Zeit, Kreativität und andere Ressourcen müssen in die soziale, kulturelle und ökologische Transformation investiert werden, statt in Waffen und Krieg.

Ich habe diesen Friedensruf vorne an der Tür ausgelegt. Nehmen Sie ihn gerne mit.

Er ist dafür gedacht, dass er zur kontroversen Diskussion anregt, zum Nachdenken über das Vorgegebene und das Darüber hinaus.

Nun gebe ich eine Karte herum. Mit einem Blatt eines Gingkobaumes. Das Bäumchen, von dem ich es genommen habe, steht, wie viele wissen, am Eingang zur Grabenallee durch Mayors for peace gepflanzt. Der Same, aus dem dieses Bäumchen gezogen wurde, stammt von einem ca 200 Jahre alten Gingkobaum, der nur einen Kilometer entfernt vom Explosionsort des Atombombenabwurfs überlebt hat. Dieser und andere Gingkobäume, haben nach der Katastrophe neue Triebe und Blätter hervorgebracht.

Allem zum Trotz.

Sie haben damit verstrahlten und todgeweihten Menschen auch über sich selbst hinaus und für nachfolgende Generationen Hoffnung gegeben.

Wir reichen dieses Blatt jetzt einander still weiter.

Damit wünschen wir einander Trotz- Kraft.

Für unser Lernen.

Dass wir friedensfähig werden.

 

Maike Ulrich ist Pfarrerin der Evangelischen Kirchengemeinde Schwäbisch Gmünd