Christoph Krämer, Braunschweig

Redebeitrag für die Hiroshima / Nagasaki-Gedenkveranstaltung am 8. August 2025 in Braunschweig

 

- Es gilt das gesprochene Wort -

 

Liebe Anwesende,

nach den gerade gehörten Zeugnissen über die Ver­wüstung der beiden japani­schen Großstädte vor 80 Jahren (am 06.08. und am 09.08.1945) wurde ich als Mitglied der In­ternationalen Ärzt*innen für die Ver­hütung des Atomkrieges (IPPNW) gebeten, zu drei Dingen etwas zu sagen:

Zu den Waffen, mit denen dieses Verbrechen verübt wurde, zu unserer Gefähr­dung durch sie heute, und dazu, was dagegen zu tun ist.

Dabei freue ich mich, dass das an diesem würdigen Ort möglich ist – dem Hiro­shima-Ufer der Stadt Braunschweig, das zum Gedenken an die Opfer so be­nannt wurde, aber auch zur Mahnung an die Nachgeborenen, an uns.

Und möchte erneut daran erinnern, dass Braunschweig Mitglied der „Mayors for Peace“ ist (also der internationalen „BürgermeisterInnen für den Frieden“), die 1982 vom Bürger­meister von Hiroshima gegründet wurden – mit dem Ziel, uns davor zu schützen, dass so etwas JEMALS wieder geschieht.

SO ETWAS – dafür greife ich nun das Geschehen in Hiroshima heraus:

Am 6. August 1945 um 08:15:17 Uhr klinkte der Waffenoffizier des US-Bombers „Enola Gay“ die Atombombe über der ahnungslosen Stadt aus – getauft „Little Boy“, mit ei­ner Sprengkraft von 15 Kilo­tonnen TNT. Von ihren ganzen 64 kg Uran (davon 80% Uran-235) detonierte dabei gerade mal 1 kg.

Mit folgendem Effekt:

Von den 350.000 EinwohnerInnen Hiroshimas wurden geschätzt 70.000 sofort getötet – bis Ende 1945 waren es ~140.000 (und später noch viele weitere).

Schlimmer noch waren diejenigen dran, die nicht sofort tot waren – denn von knapp 300 ÄrztInnen in Hiroshima überlebten die Explosion nur 28 – dazu 130 Kran­ken­­pflegerInnen und 28 Apothe­kerInnen. Zudem waren die meisten Kran­ken­­häuser sowie großenteils auch die Strom- und Wasserversorgung zerstört:

Über 100.000 Menschen mit schwersten Verletzun­gen, Verbren­nungen und quälender Strah­len­krankheit blieben somit weithin unversorgt.

(Die Zehntausenden von chronisch geschädigten Erwachsenen und Kindern, Krebserkrankungen, Erbschäden über Generationen sind damit noch nicht erfasst…)

Sodass es dann hieß: „Die Lebenden werden die TOTEN beneiden.“

Und uns Anfang der 1980er-Jahre, bei der Aufstellung der atomaren Mittel­strecken­raketen in Europa, zu unserer Frankfurter Erklärung veranlasste:

„In einem Atomkrieg werden Euch nicht helfen können!“

Im August 1945 war der 2. Weltkrieg in Europa längst beendet – Deutschland hatte bedin­gungslos kapituliert und Japan befand sich bereits in Kapitulation. Beide Städte wurden damals zwecks Machtdemonstration und aus wissen­schaft­lichem Interesse bombardiert, ohne Vorwarnung. Die US-Medizi­nerInnen, die nun begannen, sich für die Opfer zu interessieren, taten dies nicht zu ihrer med. Behand­lung, sondern zum Studium der Effekte der neuen Waffe.

Eine Vertiefung dieser Dinge würde uns aber wegführen von dem, was für uns HEUTE wichtig ist, wenn wir uns an Hiroshima und Nagasaki erinnern.

Dazu mache ich einen kleinen Bogen über die Zeit des Kalten Krieges – und seine BEENDIGUNG – hin zu unserer heutigen Situation:

Zwar war als Lehre aus den beiden Weltkriegen die UNO gegründet worden, mit dem Gewaltverbot als Kern ihrer Charta. Dennoch setzten nun Wissenschaft­licher­Innen ihren Ehrgeiz daran, Waffen mit noch weit größerer Zerstörungs­kraft zu ent­wickeln – die sog. Wasserstoff­bomben oder „thermo­nuklearen Bomben“ – mit einer Sprengkraft von mehreren Mega­tonnen, also von Millio­nen Tonnen TNT. Auch diese Entwicklung wurde von den USA initiiert und zog, nach militärischer „Logik“, die Entwicklung gleicher Waffen auf sowje­tischer Seite nach sich. Der radioaktive Fallout dieser Tests führte nach IPPNW-Schät­zungen zu 430.000 bis 3 Millionen zusätzlichen Krebs-Toten (und vielen weite­ren verheerenden Folgen). Allein der Fallout der TESTS…

Führende Intellektuelle veröffentlichten schon wenig später (1955) das Russell-Einstein-Manifest. Einstein bereute nämlich kurz vor seinem Tod den Brief, mit dem er 1939 US-Präsident Roosevelt zur Entwicklung von Atomwaffen gedrängt hatte (um den Nazis damit zuvor­zukommen).

Das Manifest kommt zu dem Ergebnis, dass ein Krieg mit diesen Waffen die gesamte Mensch­heit auslöschen würde.

Und zieht den Schluss: Wir müssen uns vom Prinzip der gewaltsamen Austra­gung von Konflikten abwen­den und unseren Fokus auf die Suche nach fried­lichen Wegen zu ihrer Lösung legen.

Unterstrichen wurde dies noch durch die Studie „Nukleare Hungersnot“, die wir später, in den 2000er-Jahren veröffentlichten:  

Sie zeigt, dass bereits ein „begrenzter Atomkrieg“ mit einem Bruchteil der welt­weit vorhandenen Spreng­köpfe (falls er sich überhaupt be­grenzen ließe) zu ei­ner Ver­dunkelung der Erde führen würde, einem „nuklearen Winter“ und damit dem Verhun­gern von Milliarden von Menschen.

Das Denken der Atommächte steht dem diametral entgegen:

Mit welcher Menschenverachtung etwa die USA die Führbarkeit eines Atom­krie­ges sehen und detailliert durchplanen, können Sie nachlesen – in dem 2024 erschie­nenen Buch „72 Minuten bis zur Vernichtung“ der US-Investigativjourna­listin Annie Jacobsen (es liegt hier auf dem Tisch).

Dabei stand die Menschheit schon mindestens 2x direkt am Abgrund ihrer Selbstauslöschung:

1962 in der Kuba-Krise, als die USA der Sowjetunion wegen der Stationierung von Atomraketen dort mit einem Nuklearangriff drohten. John F. Kennedy und Nikita Chruschtschow konnten das durch eine VERHANDLUNGSLÖSUNG abwenden (Kennedy wurde dann im Jahr darauf ermordet);

 und 1983, als das sowjetische Warnsystem wegen reflektierter Sonnenstrah­len fälschlich einen US-Atom­angriff meldete und der 44-jährige Oberst Petrow den sowjetischen Gegenschlag (also einen „Atomkrieg aus Versehen“) in ein­samer Entscheidung GEGEN den Computer verhinderte – weil er einen Fehler VERMUTETE! Trotz größter Nervosität auf dem Gipfel des Kalten Krieges...

In diesen 1980er-Jahren waren nach dem NATO-Doppelbeschluss zuletzt 2.700 mit Atom­sprengköpfen bestückte Mittelstreckenwaffen in Europa stationiert und Deutschland in der NATO-Strategie zum atomaren Schlachtfeld erklärt.

Die damalige Hochrüstungs-Propaganda ähnelte der heutigen sehr stark. Trotzdem standen hiergegen letztlich Millionen von Menschen in Europa und in Deutsch­land auf. Und konnten eine Wende bewirken – ein paar Eckpunkte:

  • 1980 wurde in Genf die IPPNW gegründet (durch sowjetische und US-Ärzte).
  • Für die Aufklärung darüber, was ein Atomkrieg bewirken würde, erhielten wir 1985 den Friedensnobelpreis (und wurden dafür von Kanzler Kohl diffamiert).  
  • Auf sowjetischer Seite fand unser Abrüstungsanliegen hingegen viel Gehör:    Bspw. kamen zu unserem Weltkongress 1987 in Moskau 3.000 TeilnehmerInnen aus 70 Ländern, und wir kamen ins sowjetische Fernsehen…
  • All das verhalf noch im gleichen Jahr zum INF-Vertrag – der zu Abzug und VERSCHROTTUNG der ganzen Mittelstreckenwaffen in Europa führte.
  • 1990 kam es dann zum Ende des Kalten Krieges, mit der Charta von Paris und dem 2+4-Vertrag – was fraglos mehrere Gründe hatte. Die Friedensbewegung hatte aber einen wichtigen Anteil daran.

Wo stehen wir nun heute?

Laut SIPRI gibt es heute über 12.000 Atomsprengköpfe auf der Welt – einige da­von auch in Deutschland, als sog. „nukleare Teilhabe“. Im „Ernstfall“ sollen sie von Bundeswehrpiloten ins Ziel geflogen und über russischen Städten gezündet werden – unter US-Befehl…

Was hat unsere Bewegung gegen den Atomtod trotzdem erreicht?

Der IGH hat am 08.07.1996 einen Schiedsspruch erlassen, der besagt, dass der Einsatz von Atomwaffen (sowie die Drohung damit) völkerrechtswidrig sind.

Woraufhin 2017 – zusätzlich zum Atomwaffen-Sperrvertag von 1970 (mit sei­nem nur sehr be­grenzten Effekt) – der Atomwaffen-Verbotsvertrag formuliert (unter Mitwirkung der IPPNW) und von der UN-Vollversammlung mit großer Mehr­heit beschlossen wurde. Er hat inzwischen völkerrecht­lichen Rang erlangt, wurde von 94 Staaten unter­schrieben und von 73 ratifiziert.

Ein historischer Fortschritt! Und ein Signal des Willens der Völker, sich von der Geißel des Atomtods zu befreien: https://www.icanw.de/offizielle-positionen

Allerdings:

Die USA haben in den letzten Jahren fast alle Rüstungskontrollverträge gekün­digt. Und der New-START-Vertrag zur Begrenzung der Zahl strategischer Atom­waffen läuft Anfang 2026 aus – womöglich ersatzlos.

Dabei wohnt dem Ukrainekrieg ein hohes Risiko inne, zu einem Welt- und Atom­krieg zu eska­lieren.

Für das Russland eine wichtige Rolle spielt, selbstverständlich.

Vor lauter Russland neigen wir im Westen aber vielfach dazu, den Balken im eigenen Auge nicht zu sehen.

Genau das ist aber der Punkt, an dem WIR ansetzen können. Und MÜSSEN.

Im Folgenden will ich Ihnen zu dieser unserer Rolle ein paar Worte sagen:

Der russische Einmarsch in die Ukraine 2022 war völkerrechtswidrig. Ja.

Dem vorausgegangen war allerdings eine bemerkenswerte Hybris, mit der der Westen nach seinem „Sieg“ im Kalten Krieg Russlands weit ausgestreckte Hand zurückschlug – es eine gute Idee fand, die NATO immer weiter nach Osten aus­zudehnen und Russland immer weiter in die Enge zu treiben (leicht nachlesbar in Zbigniew Brzezinskis Grundlagenwerk „Die einzige Weltmacht“). 

Ohne Respektierung irgendeiner „roten Linie“ – die Russland schon zu Anfang der 2000er-Jahre klar gezogen hatte. Die Ukraine in die NATO aufzunehmen und damit Hyperschallraketen wenige Flugminuten vor Moskau stationieren zu kön­nen – das ist eigentlich nur vergleichbar mit der Kuba­krise von 1962 (die ich be­reits erwähnt hatte).

Hinzu kommt hier noch: Russland würde seine Schwarzmeerflottenbasis auf der Krim verlieren…

Den Tropfen zum Überlaufen brachte Präsident Selenskyjs Befehl 2021 zur Rückeroberung der Krim und der Ostukraine, unter Bruch des Minsk-II-Ab­kommens, sowie das LÄCHERLICHMACHEN von Moskaus Vertragsangeboten von Dezember 2021 samt Ausladung von Putin von der Münchener Sicher­heitskonferenz.

In ein anderes Land einmarschieren darf man trotzdem nicht. Wissen sollte diese Dinge aber schon, wer ernsthaft nach einem Ende des Krieges strebt.

Und auch darüber nachdenken, wie es sein kann, dass schon 3 Tage nach dem russischen Einmarsch die „Zei­tenwende“ ausgerufen werden und plötzlich 3-stellige Milliarden­beträge für Rüstung und Krieg da sein konnten…

Was folgte, war das Bestehen des Westens auf Eskalation statt Verhandeln:

  • Als 4 Wochen nach dem Einmarsch Russland und die Ukraine in Istanbul ein Friedensabkommen ausgehandelt hatten – Kern waren die Neutralität der Ukraine und eine Einigung über Krim und Ostukraine – kam sofort das Veto aus Brüssel, vom NATO- und G7-Gipfel: KEIN Kompromiss mit Russland!
  • Stattdessen kam – nach milliardenschweren Waffenlieferungen und über 100.000 Toten die im Februar 2024 von der Ampelregierung eingebrachte Bundestagsresolution, den Krieg nach Russland zu tragen.
  • Und im Mai 2024 der Beschluss Deutschlands und weiterer NATO-Staaten, die Ukraine das nun auch offiziell mit NATO-Waffen tun zu lassen. Worauf Präsident Selenskyj – in Kooperation mit westlichen Geheimdiensten – Angriffe auf Komponenten der russischen Nuklearabwehr und Atomstreitmacht befahl.
  • Merz, inzw. Kanzler, betreibt die Beschaffung von deutschen Taurus-Marsch-flugkörpern für Selenskyj (deren Einsatz Russland als direkten Kriegseintritt Deutschlands ansähe).
  • Zuletzt hat Trump mit dem Aufmarsch von US-Atom-U-Booten gedroht...

Zugleich höre ich fast wöchentlich Wiederholungen des Mantras (vor allem aus Europa), der Weg der Ukraine in die NATO sei unum­kehrbar. Das aber blockiert jegliche Verhandlungsansätze nachhaltig…

Dabei gibt es keinen wirklichen Grund, NICHT zu verhandeln:

Die Behauptung, Russland wolle demnächst die NATO angreifen, ist jedenfalls kontrafaktisch – es ist weder erkennbar, wozu es das wollen sollte. Noch wäre Russland auch nur annähernd dazu in der Lage:

Schon jetzt hat die NATO eine massive konventio­nelle Überlegenheit gegenüber Russland – selbst allein ihr europäischer Teil.

Und diese soll mit der jetzt begonnenen Mega-Aufrüstung (5% des BIP entspre­chen fast 50% des Bundeshaushalts) und der für kommendes Jahr geplanten Stationierung von US-Mittelstreckenwaffen in Deutschland – Erst­schlags- und Enthaup­tungswaffen! – noch massiv vergrößert werden.

Angesichts dessen stellt sich dann EHER die Frage: Wer bedroht hier wen?!

Und was ist mit „Sicherheit“ gemeint, wenn diese Waffen den Gegner zu einem Präventivschlag verleiten und in die Apokalypse führen können? Unterhöhlen sie dann nicht eher unsere Sicherheit?!

Eine unversehrte Ukraine werden wir nach der vertanen Chance von Istanbul 2022, all den verschwendeten zig Milliarden und den mehr als 100.000 „für unsere Werte“ getöteten Ukrainern und Russen nicht mehr be­kommen.

Die Frage, die die vielen Toten an uns richten, ist doch:

Wie verhindern wir HEUTE ein neues Hiroshima und Nagasaki?

Wie kommen wir heraus aus der selbstgemachen Eskalationsspirale?

Und nicht nur die Toten von vor 80 Jahren mahnen uns – auch die Opfer des Völkermordes in Palästina – in den der deutsche Kanzler der „Drecksarbeit“ bis GESTERN immer weiter deutsche Waf­fen liefern ließ – auch diese vielen neuen Toten, die mit Gewalt verhungerten Kinder in Gaza mahnen uns, dass unser mittelalter­liche Kultur der Gewalt nicht mehr in die heutige Zeit passt.

Und die Opfer von Hiroshima und Nagasaki mahnen uns (6 Punkte):

  • 1.  Keine Stationierung von US-Mittelstreckenwaffen in Deutschland! Bitte unterschreiben auch Sie den Berliner Appell – er liegt hier aus!
  • 2.  Abschaffung aller Atomwaffen – und zuerst der in Deutschland!
  • 3.  Stopp aller Waffenlieferungen – in welche Kriege auch immer! Auch Palästina hat ein Existenzrecht und muss völkerrechtlich anerkannt werden! Kommen Sie zu unserer Veranstaltung mit amnesty international am 13.08. im Haus der Kulturen!
  • 4.  Kein neuer Krieg mit Russland – einen neuen Welt- und Atomkrieg würde die Menschheit nicht überstehen – FÜR Interessenausgleich und Entspannung!
  • 5.  Kommen Sie zur nationalen Friedensdemonstration am 03.10.25 in Berlin!
  • 6.  Kommen Sie zum Antikriegstag –in Braunschweig werden wir ihn am 30.08. auf dem Kohlmarkt begehen!

Vielen Dank!

 

Dr. Christoph Krämer ist aktiv bei der IPPNW.