Richard Arnold, Schwäbisch Gmünd
Redebeitrag für die Hiroshima / Nagasaki-Gedenkveranstaltung am 6. August 2025 in Schwäbisch Gmünd
- Sperrfrist: 6.8., Redebeginn: 19:00 Uhr -
- Es gilt das gesprochene Wort –
Meine sehr geehrten Damen und Herren,
wir haben uns heute versammelt, um gemeinsam zu gedenken – in Würde, in Stille, im Bewusstsein der tiefen Verantwortung, die uns das heutige Datum auferlegt.
Am 6. August 1945, vor genau 80 Jahren, wurde die japanische Stadt Hiroshima durch den Abwurf der ersten Atombombe auf eine bewohnte Stadt nahezu vollständig zerstört. Drei Tage später, am 9. August, folgte Nagasaki. Über 200.000 Menschen verloren ihr Leben – viele sofort, andere in den Tagen und Jahren darauf an den Folgen von Hitze, Druckwelle und Strahlung. Und noch unzählige mehr wurden innerlich verwundet – durch den Verlust ihrer Familien, ihrer Heimat, ihrer körperlichen Unversehrtheit.
Diese beiden Städte stehen seither wie kaum ein anderer Ort in der Welt für das unermessliche Leid, das Krieg und technisierte Vernichtung über die Menschheit bringen können.
Hiroshima und Nagasaki sind zu Mahnmalen geworden – nicht aus Stein oder Metall, sondern aus Erinnerung, aus Schmerz, aus Menschlichkeit.
Wenn wir heute, 80 Jahre später, innehalten, dann tun wir das nicht nur, um den Toten zu gedenken. Wir tun es auch, um den Lebenden zuzuhören – den Hibakusha, den Überlebenden der Atombombenabwürfe. Ihre Stimmen – oft leise, oft brüchig – sind kraftvoller als jede politische Erklärung. Sie sagen uns: Es darf nie wieder geschehen. Nie wieder Hiroshima. Nie wieder Nagasaki. Nie wieder Atomkrieg.
Diese Mahnung richtet sich an uns alle. Sie richtet sich nicht nur an Regierungen und Institutionen, sondern an jede und jeden von uns. An unsere Verantwortung als Gesellschaft. An unser kollektives Gedächtnis. An unseren Mut, für Frieden einzustehen – gerade in einer Zeit, in der die Welt erneut gefährlich ins Rutschen geraten ist.
Wir erleben eine neue globale Unsicherheit. Der Krieg ist nach Europa und den Nahen Osten zurückgekehrt. Internationale Abrüstungsabkommen werden aufgekündigt oder ignoriert. Die Logik des Wettrüstens feiert ein Comeback. Und noch immer lagern Tausende von Atomwaffen auf unserem Planeten – genug, um das Leben, wie wir es kennen, ein für alle Mal zu vernichten.
Gerade deshalb müssen wir uns erinnern, dass es in der Geschichte auch mutige Schritte in Richtung Abrüstung und Verständigung gegeben hat.
Mit dem Atomwaffensperrvertrag – dem „Vertrag über die Nichtverbreitung von Kernwaffen“, der 1968 geschlossen wurde – verpflichteten sich die Atommächte zur Abrüstung und alle anderen Staaten zum Verzicht auf Nuklearwaffen.
Auch wenn dieses Versprechen noch immer nicht vollständig eingelöst wurde, ist der NPT (Non-Profileration of Nuclear Weapons) ein Grundpfeiler der internationalen Friedensordnung. Er ist ein Versprechen an die Menschheit, dass Sicherheit eigentlich nicht durch Bedrohung, sondern durch Zusammenarbeit erreicht werden muss.
Das alles folgt aber den Regeln der Zivilisierheit, die wir für selbstverständlich gehalten haben, bis der Februar 2022 und der Oktober 2023 uns jäh aus dieser sicher geglaubten Ordnung humanistischen Denkens und Handelns gerissen hat. Ich frage Sie: Was tun, wie reagieren, wenn man es zu tun hat mit Leuten, Organisationen, Staaten, die sich nicht um die Regeln der Zivilisiertheit scheren? Heute hat sich der ukrainische Journalist Sergey Maidukov zu Wort gemeldet in der Süddeutschen Zeitung. Wörtlich sagt er: „Putin ist ein Serienmörder mit Atomwaffen. Er verhandelt nicht mit der Welt. Er verzehrt sie.“
Ein weiteres historisches Beispiel für friedliche Konfliktlösung war der Zwei-plus-Vier-Vertrag von 1990. In ihm einigten sich die beiden deutschen Staaten gemeinsam mit den vier Siegermächten des Zweiten Weltkriegs auf eine souveräne, vereinigte und friedliche Zukunft Deutschlands – ohne atomare Bewaffnung auf deutschem Boden. Dieses Abkommen zeigte, dass Sicherheit durch Dialog, Abrüstung und gegenseitiges Vertrauen möglich ist.
Gerade deshalb ist dieser Gedenktag nicht Vergangenheit – er ist Gegenwart. Er ist Auftrag!
Als Teil des internationalen Netzwerks "Mayors for Peace", gegründet von Hiroshimas Bürgermeister, stehen auch wir als Stadtgesellschaft in einer Reihe mit anderen Städten weltweit, die sich aktiv für nukleare Abrüstung und friedliches Zusammenleben einsetzen.
Es ist unsere Aufgabe, die Erinnerung lebendig zu halten – nicht nur in Reden, sondern im Handeln. In Schulen, in Bildungseinrichtungen, in Gedenkprojekten. Friedensarbeit beginnt nicht in Konferenzsälen, sondern in Klassenzimmern. In Gesprächen. In offenen Herzen.
Die Überlebenden von Hiroshima und Nagasaki haben ihr Leben dem Frieden gewidmet. Sie haben vergeben – nicht vergessen. Sie haben ihre Stimmen erhoben, damit aus der Katastrophe eine Lehre für die Menschheit wird.
Und wir? Wir sind die Generation, die diese Lehre weitertragen muss. In Würde, in Verantwortung und mit klarem Blick.
Möge das Gedenken an Hiroshima und Nagasaki nicht in der Vergangenheit enden, sondern in der Zukunft wirken.
Ich danke der Pressehütte (Silvia Bopp, Wolfgang Schlupp-Hauck) und dem Bündnis „Mayors for Peace“ sowie Bürgermeisterin Stephanie Eßwein für die Organisation und Ihnen allen dafür, dass Sie ein wichtiges Zeichen setzen.
Richard Arnold ist Oberbürgermeister von Schwäbisch Gmünd.