Helmi Behbehani, Göttingen
Redebeitrag für die Hiroshima / Nagasaki-Gedenkveranstaltung am 7. August 2021 in Göttingen
- Sperrfrist: 7.8., Redebeginn: 11 Uhr -
- Es gilt das gesprochene Wort –
Liebe Mitbürgerinnen und Mitbürger,
liebe Mitglieder des Göttinger Friedensforums,
die diese Kundgebung heute hier organisiert haben, heute gedenken wir gemeinsam der Atombombenabwürfe am 8. August vor 76 Jahren und der Opfer dieses brutalen, verheerenden Angriffs auf Hiroshima und Nagasaki.
Hiroshima ist ein Symbol, ein Symbol des Krieges, der Zerstörung und der unheimlichen Macht der Atomkraft.
Aber auch ein Symbol der Hoffnung auf Frieden und die Lehren, die die Menschheit aus der dramatischen Vernichtung der japanischen Städte am Ende des 2. Weltkriegs ziehen muss und ziehen sollte.
Die Atombomben auf Hiroshima und Nagasaki töteten im August 1945 90 000 Menschen sofort, weitere 130.000 Menschen starben bis zum Jahresende an den Folgen.
Bis heute leiden die Nachkommen unter den Schäden der atomaren Verseuchung. Man weiß, dass dieser Bombenabwurf militärisch sinnlos war. Es war ein Test an lebenden Menschen mit verheerender Wirkung.
Auch weiterhin bedeutet die atomare Bewaffnung eine Bedrohung für die Menschheit, ebenso die nicht vollständig kalkulierbare Atomkraft.
Auch das hat Japan in Fukushima nach dem Tsunami und der radioaktiven Verseuchung durch den Nukleargau schmerzhaft erfahren. Auch dessen Folgen sind noch lange nicht bewältigt,
Die Stadt Göttingen hat ein sichtbares Zeichen für Frieden und gegen Atomwaffen gesetzt, indem sie den Platz vor dem neuen Rathaus in Hiroshima-Platz umbenannt hat.
Auf Initiative einer japanischen Anti-Atom-Delegation wurde das Namensschild am Rathaus auch in japanischer Schrift gestaltet, zusammen mit einem gefalteten Kranich als einem Zeichen des Friedens.
Wir sehen uns als Stadt in der Tradition der 18 führenden deutschen Atomwissenschaftler, die sich bereits 1957 in der „Göttinger Erklärung“ gegen eine taktische Atombewaffnung ausgesprochen haben.
Seit 1987 ist Göttingen auch Mitglied der Vereinigung „Mayors for Peace“, „Bürgermeister für den Frieden“, und setzt sich gemeinsam mit über 6700 Städten weltweit für atomare Abrüstung ein.
Auf Grundlage des letzten verbliebenen Abrüstungsvertrages „New Start“, der Ende Februar abgelaufen wäre, haben die USA und Russland wieder Gespräche aufgenommen. Ziel ist die ˋFestigung der Stabilitätˋ, heißt: das Gleichgewicht der Abschreckung soll gewahrt werden. Die Konsequenzen aus einem Atomschlag sollen so abschreckend gestaltet sein, dass keine Seite einen Konflikt wagt.
Ob eine wirksame Rüstungskontrolle gelingt, darf angesichts des Kräftemessens und der zahlreichen Konflikte, in die Atommächte verstrickt sind, bezweifelt werden.
Aktuell beobachten wir mit Sorge die großen Manöver im Südchinesischen Meer, wo China systematisch Stützpunkte errichtet und Taiwan weiter unter Druck gerät. Ob Deutschland mit der Fregatte „Bayern“ auch dort aufkreuzen muss, um die freie Zufahrt der Schiffahrtsstraßen im Indopazifik zu garantieren, beantworte ich lieber nicht.
Es war ein Fehler von Präsident Trump, den Atom-Deal mit dem Iran aufzukündigen. Er sollte dringend neu aufgelegt werden. Das Pulverfass Naher und Mittlerer Osten erlaubt keine Verschiebung.
Die neuen Atomwaffen haben ein Vielfaches der Zerstörungskraft der Bomben von Hiroshima und Nagasaki. IT gesteuert und strategisch präzise einsetzbar, mit enormer Reichweite, bilden sie eine latente Gefahr, im Extremfall
zum Einsatz zu kommen. Immer wieder fantasieren Militärs von einem begrenzten Atomschlag. Unfassbar.
Um so wichtiger ist es, regelmäßig auf diese Gefahr hinzuweisen und sie für die Menschen sichtbar zu machen.
Jetzt endlich will auch Frankreich die Opfer der Atombombenversuche in Polynesien entschädigen.
Nach 25 Jahren folgt die Einsicht.
Gegen atomare Bewaffnung und Atomkraft brauchen wir weiterhin Friedensbewegungen und Anti-Atom-Allianzen über die nationalen Grenzen hinweg. Sie sind auch in Zukunft unverzichtbar.
In diesem Sinne stehen wir als Stadt an der Seite der Anti-Atom- und der Friedensbewegung.
Vielen Dank dem Göttinger Friedensforum für die Organisation der Kundgebung heute an diesem denkwürdigen Tag und Danke, dass Sie gekommen sind.
Helmi Behbehani Bürgermeisterin der Stadt Göttingen.