Martha Albinger, Ludwigsburg
Redebeitrag zum Antikriegstag 2026 bei der Veranstaltung am 1. September in Ludwigsburg
Redebeitrag zum Antikriegstag 2026 bei der Veranstaltung am 1. September 2026 in Ludwigsburg
+ + + Es gilt das gesprochene Wort + + +
Liebe TeilnehmerInnen dieser Kundgebung zum Antikriegstag 2026, liebe Friedensfreunde und -freundinnen!
Mein Name ist Martha Albinger, ich bin im Vorstand der DFG-VK (ausgesprochen Deutsche Friedensgesellschaft-Vereinte KriegsgegnerInnen) Gruppe Ludwigsburg, die auch im Bündnis gegen die Wehrpflicht Ludwigsburg vertreten ist.
Die Kriegsdienstverweigerungsberatung war immer schon ein Schwerpunkt der DFG-VK. Neben verschiedenen Veranstaltungen und Aktionen insbesondere auch zum Gazakrieg, waren wir am 11.06.26 mit einem DFG-VK-Mobil auf dem Ludwigsburger Innenstadtschulcampus und haben dort viele Gespräche mit SchülerInnen und LehrerInnen geführt. Wir waren überrascht, wie groß das große Interesse war. Nun wollen wir diese Aktion an weiteren Schulen u.a. in Marbach durchführen.
Ich bin 13 Jahre nach dem Ende des zweiten Weltkriegs geboren. Als Kind auf dem Land, habe ich von den Nachwirkungen des Krieges nicht viel mitbekommen.
Im Gymnasium wurden wir dann politisiert. Es war die Zeit der 68-er Bewegung und der Gründung der RAF. Neben den konservativen LehrerInnen (darunter vermutlich auch ehemalige Nazis), hatten wir auch progressive und linke LehrerInnen, die uns das kritische Denken beibrachten. Und wir wurden mit der Naziherrschaft und dem zweiten Weltkrieg konfrontiert.
Wir sahen Antikriegsfilme, die nicht nur den ersten und zweiten Weltkrieg betrafen, sondern auch den Vietnamkrieg. Auch über Wiederbewaffnung der BRD1956 und die atomare Aufrüstung der USA und der Sowjetunion, den sogenannten kalten Krieg wurde gesprochen. Es ging dabei um die Frage, ob diese zur Abschreckung benötigt und damit ein Krieg verhindert würde.
Ein Argument, das uns auch heute aufgetischt wird.
Ich habe bzw. hatte 4 Brüder, einer ist inzwischen verstorben. Drei haben den Wehrdienst verweigert und der 4. musste nicht zur Bundeswehr. Alle waren Mitglied der DFG-VK.
Damals, wie heute ging es darum, glaubwürdig zu vertreten, weshalb man aus Gewissensgründen den Kriegsdienst verweigert. Z.B. durch eine religiöse Haltung, Prägung durch das Elternhaus, Auseinandersetzung mit Krieg und Gewalt, Kennen von Menschen, die von Krieg betroffen sind etc. Politische Gründe können einfließen, sollten aber nur am Rande erwähnt werden. Wir hören uns nach meiner Rede (oder Bitte hört euch dazu) das Lied von Franz Josef Degenhardt „Befragung eines Kriegsdienstverweigerers“ an.
Der Widersinn ist, dass der Mensch im Grunde von der Evolution her eine Tötungshemmung hat und kooperiert. Wir lernen im Elternhaus, in Kita, Schule, aus ethischen, religiösen und allgemein menschlichen Gründen, dass man nicht töten darf. Es gibt die Menschenrechte und die Verpflichtung zu Hilfeleistung, wenn man Menschen in Not sieht. In allen Ländern gibt es für Mord hohe Haftstrafen bis hin zu Hinrichtungen. Krieg und auch schon die Vorbereitung zum Krieg, was in der Armee geschieht, verkehrt alles ins Gegenteil. Dies geschieht durch Feinbilder, Entmenschlichung eines potentiellen Gegners und Rassismus.
Und in der Anhörung zur Kriegsdienstverweigerung muss nun erklärt werden, warum man nicht töten kann! Umgekehrt müsste es sein. Junge Menschen, die zur Armee gehen wollen, sollten erklären müssen, warum bei ihnen die Tötungshemmung nicht mehr funktioniert. Welche Einflüsse dazu geführt haben.
Im Studium der Erziehungswissenschaften in Tübingen hatten wir Anfang der 1980-er Jahre auch Friedenspädagogik. Und der Professor, der das Seminar anbot, machte uns klar, was der Nato-Doppelbeschluss d.h. die Stationierung von Mittelstreckenraketen durch die USA auf westdeutschem Boden bedeutet. Welche Gefahr davon für uns und die Menschen in der DDR ausgehen würde. Das Resultat war, dass wir Studierende uns zusammen mit dem Professor der damals stark werdenden Friedensbewegung anschlossen. Ein Jahr lang habe ich mein Studium schleifen lassen und mit anderen zusammen die Blockade des Atomwaffenlagers Großengstingen organisiert und durchgeführt. Auch die anschließenden Gerichtsverhandlungen bzgl. der Anklage auf Nötigung kosteten Zeit und Geld.
In dieser Zeit gab es riesige Demos, 300 000 TeilnehmerInnen waren es in Bonn, große Menschenmengen protestierten auch in anderen Städten und bei der Menschenkette von Stuttgart nach Ulm. Meine Brüder organisierten mehrerer Reisebusse von Biberach an der Riss nach Bonn. Man hatte das Gefühl alle Welt war auf den Beinen, Jung und Alt, ArbeiterInnen und Studierende, Frauen und Männer, darunter auch viele sogenannte Promis.
Und nicht nur das:
Bereits in den 1980er Jahren gab es in der westdeutschen Friedensbewegung ausdrücklich die Idee einer „Verweigerung“ von Frauen gegenüber der im Verteidigungsfall nach Artikel 12a, Abs. 4 GG möglichen Heranziehung zum Dienst im Sanitäts- und Heilwesen.
Und wir jungen pazifistischen Frauen erklärten schriftlich, dass wir uns nicht zwingen lassen würden, den Krieg durch Dienstleistungen im Sanitäts- und Heilwesen zu unterstützen.
Nach meinem Studium und einem 1-jährigen Aufenthalt in Bolivien war ich dann überwiegend als Sozialarbeiterin und Heimleiterin in der Flüchtlingshilfe tätig und habe über die „Ökumenische Fachstelle Asyl“ Ehrenamtliche in der Arbeit mit Geflüchteten unterstützt. Dadurch habe ich viele Menschen kennen gelernt und begleitet, die an den Folgen schrecklicher Kriege litten (u.a. der erste Golfkrieg zwischen Iran-Irak, Irakkrieg, Afghanistan, Bürgerkrieg im Libanon, Jugoslawien, Syrien, schließlich noch Ukraine und Gaza und nun wieder im Iran)
Fazit: Militarisierung bietet keinen Schutz vor einem Krieg. Im Gegenteil, die hochtechnischen Geräte wollen eingesetzt werden und wenn es in anderen Ländern ist.
Die Militarisierung der Köpfe findet über die Wortwahl von PolitikerInnen, sogenannten MilitärexpertInnen, der Jugendoffiziere, die in die Schulen gehen und der Medien statt.
Es müssen Feindbilder geschaffen werden z.B. der Russe wird uns in wenigen Jahren angreifen, um die riesigen Summen zu rechtfertigen, die für die Rüstung ausgegeben werden, statt für Schulen, soziale Gerechtigkeit und Projekte, die dem Frieden dienen.
Aber, selbst als 1961 in Berlin die Mauer gebaut wurde, die West- und Ostberlin und schließlich Deutschland trennte, blieben die PolitikerInnen beider Seiten im Gespräch. Das sollte uns Vorbild sein. Und Gorbatschow, der durch Perestroika und Glasnost den kalten Krieg beendete und es ermöglichte, dass die friedlichen Proteste in der DDR nicht blutig niedergeschlagen wurden, sondern zur Öffnung der Mauer und schließlich zur Wiedervereinigung führten.
Soldatin zu werden hat nichts mit Emanzipation zu tun. Emanzipation bedeutet nicht, das Schlechte, was Männer machen (müssen) nachzumachen und sich zum Töten ausbilden zu lassen, sondern sich für eine friedliche Welt und für das Leben einzusetzen.
Wir brauchen in Schulen, in der Jugendarbeit und in den Medien Themen wie Friedenspädagogik, Verhinderung von Kriegen, Diplomatie, Soziale Verteidigung und keine Kriegstreiberei.
An alle jungen Männer und Frauen, geht nicht freiwillig zur Bundeswehr und verweigert den Kriegsdienst, wenn die Wehrpflicht. Wir unterstützen euch dabei.
Vielen Dank!
Redner*in:
Martha Albinger ist im Vorstand der DFG-VK Gruppe Ludwigsburg
Thema
- Antikriegstag (1. September)