Helmut Zehender, Schwäbisch Gmünd
Redebeitrag zum Antikriegstag 2026 bei der Veranstaltung am 1. September 2026 in Schwäbisch Gmünd
Redebeitrag zum Antikriegstag 2026 bei der Veranstaltung am 1. September 2026 in Schwäbisch Gemünd
+ + + Es gilt das gesprochene Wort + + +
Kriegstüchtig – und dann?!
Bundesverteidigungsminister Boris Pistorius (SPD) sagte am Mittwoch, dem 5. Juni 2024 im Bundestag:
„Wir müssen bis 2029 kriegstüchtig sein“, so der Minister. „Wir müssen Abschreckung leisten, um zu verhindern, dass es zum Äußersten kommt.“ Zentral seien für ihn die Themen Personal, Material und Finanzen. Im Ernstfall würden junge Frauen und Männer gebraucht, die dieses Land verteidigen können: „Wir müssen durchhaltefähig und aufwuchsfähig sein.“ Er sei überzeugt, so der Minister weiter, dass eine neue Form des Wehrdienstes gebraucht werde. Dazu werde er zeitnah einen Vorschlag zur Diskussion stellen. Ein solcher Dienst könne nicht frei von Pflichten sein. Darüber hinaus müsse der Truppe die bestmögliche Ausrüstung zur Verfügung gestellt werden, vom Kampfpanzer bis zur mobilen Feldküche.
Seither wird der Begriff Kriegstüchtigkeit in der Politik und in den Medien immer wieder genannt.
Was heißt nun der Begriff kriegstüchtig?
Ich zitiere auszugsweise den zeitgenössischen Philosophen Hartmut Rosa:
Was bedeutet es, kriegstüchtig zu sein? Es bedeutet: bereit sein und fähig sein, Menschen zu verletzen, sie zu verstümmeln, sie zu verkrüppeln und zu töten. Junge Menschen, alte Menschen, auch wehrlose Menschen – etwa Soldaten in Ausbildung oder in Kasernen. Schlafende Soldaten, rastende Soldaten, essende Soldaten. Und es bedeutet, bereit und in der Lage zu sein, Bomben auf Menschen zu werfen, Kinder zu traumatisieren, ihnen Eltern und Heimat zu nehmen, sie zu Waisen zu machen. All das bedeutet Krieg, das ist der Inhalt des Begriffs Krieg – zu dem auch Menschenrechtsverletzungen, oft großen Ausmaßes, unaufhebbar gehören. Ich erinnere beispielhaft an Hiroshima und Nagasaki, My Lai, Gaza, den Ukraine-Krieg. Wer tüchtig zum Krieg werden will, muss bereit und fähig zu alledem gemacht werden: bereit und fähig, schnell, effizient und massenhaft zu töten.
Kriegstüchtigkeit ist die Bereitschaft, der Wille und die Fähigkeit, gegebenenfalls ohne mit der Wimper zu zucken zu töten, in großem Maße, in Massen. Solche Bereitschaft und Fähigkeit lassen sich nicht einfach per Beschluss herstellen. Sie müssen lange und systematisch eingeübt werden. Sie bedürfen der langjährigen Ausbildung und Schulung von Experten des Tötens. Auf kollektiver Ebene heißt das: Viele Hunderte, vielleicht Tausende Menschen müssen daran arbeiten, immer effizientere Bomben, Raketen, Drohnen, Granaten, Kugeln, Bajonette, Minen, auch Landminen, herzustellen und zu entwickeln. Sie müssen sich darum bemühen, dass diese Waffen die Menschen so zerfetzen, dass kein Arzt ihnen mehr helfen kann. Dass sie Wunden schlagen, die nicht mehr zu heilen sind. Kriegstüchtigkeit bedeutet, große Industrien aufzubauen, Rüstungsindustrien, die keine andere Aufgabe haben als die, ebensolche Waffen zu entwickeln und herzustellen.
Allein, die besten Waffen nützen nichts, wenn die Menschen im Zweifel nicht bereit sind, sie auch einzusetzen. Darin liegt die individuelle Herausforderung der Kriegstüchtigkeit: Menschen als sozialisierte Wesen haben eine Tötungshemmung. Andere Menschen gezielt zu töten, vor allem in Lagen, in denen sie sich nicht wehren können – was wir psychologisch so wahrnehmen, als würden wir sie ermorden – ist nicht einfach. Es erfordert langes Training, systematische Ausbildung, gezielte Abhärtung. Kriegstüchtig werden zu wollen bedeutet, junge Menschen im Wehrdienst immer wieder auf menschlich aussehende Puppen oder Attrappen schießen zu lassen. Ihnen ins Gesicht, in den Kopf, ins Herz zu schießen, und zwar so lange, bis diese Menschen dann im Ernstfall nicht mehr zögern werden, lebende Menschen auf solche Weise zu töten – sie zu zerfetzen, zu verstümmeln und zu verkrüppeln. Kriegstüchtig sein bedeutet, im Ernstfall keinerlei moralische Skrupel mehr zu haben, sondern alles zu tun, was den Feind vernichtet: Jedes Zögern, jedes Nachdenken, jedes Mitleid, jede menschliche Regung ist auf dem Schlachtfeld ein Moment der Kriegsuntüchtigkeit.
Das also bedeutet Kriegstüchtigkeit in der sozial-gesellschaftlichen und in der psychologisch individuellen Dimension.
Vielen Dank
Redner*in:
Dr. Helmut Zehender ist aktiv bei der IPPNW und der Pressehütte Mutlangen
Thema
- Antikriegstag (1. September)